Der Ingenieur der Phantasia-Welten

Ingenieure haben die Qual der Wahl. Die Banken- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre scheint zumindest für viele Ingenieurbetriebe überwunden, heute schreiben sie wieder Rekordgewinne und suchen händeringend neue Mitarbeiter: Maschinenbauer, Elektrotechniker, Luft- und Raumfahrttechniker. Regional, national, weltweit. Für Planung und Konstruktion, für Wartung und Beratung. Und immer häufiger auch für Führungspositionen. Sie suchen Ingenieure wie Ralf-Richard Kenter.

Ralf-Richard Kenter ist Maschinenbauingenieur – und er ist der Direktor des Phantasialandes in Brühl, dem wohl berühmtesten Freizeitpark Deutschlands. Die Geschichte von Ralf-Richard Kenter und dem Phantasialand beginnt im Jahr 1968, ein Jahr nach dessen Eröffnung, als Vater Kenter dort eine Stelle in der technischen Leitung übernahm. Als Junge verbrachte Ralf-Richard Kenter viel Zeit in dem Freizeitpark und erlebte mit, wie der Park stetig wuchs. Auch später blieb er dem Phantasialand treu: Nach dem Abitur zog es ihn zum Studieren an den Campus Jülich der FH Aachen, wo er Maschinenbau studierte. Im Jahr 1993 beendete er sein Studium mit einer Diplomarbeit über ein verbessertes Abfallkonzept für das Phantasialand; betreut hat die Arbeit Prof. Dr. Klaus Brüssermann. Auch das anschließende Wirtschaftsingenieurwesen-Studium beendete er mit einer Abschlussarbeit über den Freizeitpark.

Die Geschäftsleitung erkannte das Potenzial des jungen Ingenieurs und machte ihm das Angebot, als Assistent der Geschäftsleitung anzufangen. Seine ersten großen Aufgaben lagen im Baubereich. So zum Beispiel die Gesamtprojektleitung der Fahr- und Showattraktion Mystery Castle, eines 65 Meter hohen Turms aus Stahlbeton, in dem ein pneumatisches System die Fahrgäste zunächst senkrecht in die Luft katapultiert und auch wieder abwärtsbeschleunigt. Eine Herausforderung für die Ingenieure. „Phantasialand ist auf einer Industriebrache des Braunkohlentagebaus entstanden. Im Bereich des Baufeldes war der Untergrund so weich, dass sich einige der Rammpfähle im Verlaufe der Tiefgründungsarbeiten verschoben, so dass die Baustatik nochmals nachberechnet werden musste“, sagt Ralf-Richard Kenter.

Insbesondere in den Situationen, die die Einarbeitung in neue Technologien und die Beurteilung von Projektpartnern erforderten, habe ihm das fundierte Studium geholfen, so Ralf-Richard Kenter: „Zum einen durch das gute und grundlegende technische Verständnis für die Dinge, zum anderen dadurch, dass ich gelernt habe, mich auch in andere technische Bereiche hineinzudenken. Das sind die Grundlagen, die man braucht, um auch in Führungspositionen mit allen Beteiligten auf gleicher Ebene diskutieren zu können – und somit auch Projekte leiten zu können.“ Das fachübergreifende Arbeiten ist es auch, was er an seinem Beruf besonders mag: „Projektleitung bedeutet häufig die Verknüpfung von Fächern wie Maschinenbau, Bauingenieurwesen und Statik, aber auch Akustik, Elektrotechnik sowie Mess-, Steuer-und Regelungstechnik.“

Neben der interessanten Technik gehört zu seinem Job aber auch die Beschäftigung mit juristischen Feinheiten wie Verwaltungsrecht, Vertragsrecht und Umweltrecht. So mussten die planungsrechtlichen Grundlagen für den Bau des Mystery Castles erst durch ein Bebauungsplanverfahren geschaffen werden. Hierbei ging es hauptsächlich um die Bauhöhe von 65 Metern und die damit einhergehende Frage nach der möglichen Landschaftsbildbeeinträchtigung. Ein Dauerthema für das Phantasialand ist der Immissionsschutz, das heißt der Nachweis, die geltenden Schallimmissionsrichtwerte im Bereich der unmittelbar benachbarten Wohnbebauung auch mit den neuen Attraktionen einzuhalten. Dies ist regelmäßig die entscheidende Frage, wenn es um die Genehmigungsfähigkeit konkreter Bauanträge geht. „Viele Hochschulen vernachlässigen in der Ingenieurausbildung oftmals die juristischen Grundlagen, die aber eine wichtige Rolle im Berufsalltag spielen“, kritisiert Ralf-Richard Kenter. „Die Inhalte der einschlägigen Rechtsnormen sowie das Wissen von den Verwaltungsverfahren mit ihren jeweiligen Beteiligungen von Politik und Öffentlichkeit muss man sich dann selbst hart erarbeiten.“ Das hat der Fachbereich Energietechnik am Campus Jülich der FH Aachen frühzeitig erkannt und bietet seit einigen Jahren Seminare zu juristischen Themen an.

D
en Betreibern des Phantasialandes war es immer wichtig, authentische Erlebniswelten zu schaffen. Also nicht nur das Fahrgeschäft „einfach so hinzustellen“, sondern Geschichten zu erzählen, sie in eigene Themenwelten einzubetten und so eine ganze Dramaturgie zu erfinden. In den letzten acht Jahren wurden 85 Millionen Euro investiert. „Das ist erforderlich, um für unsere Gäste stets einen attraktiven Angebotsmix zu haben. Flächenmäßig stößt der Park schon lange an seine Grenzen und müsste dringend erweitert werden, um weiter konkurrenzfähig zu bleiben“, so Ralf-Richard Kenter. Diese Erweiterung über alle rechtlichen und politischen Hürden hinweg zu realisieren, ist seit über zehn Jahren seine Hauptaufgabe. „Ich bin zuversichtlich, dass wir nun auf der Zielgeraden angekommen sind.“ l SE