Auslandssemester trotz Pandemie

Sieben Studierende berichten über ihre Erfahrungen

Taipeh in Taiwan: Erik Goetzke machte im Sommersemester 2021 hier sein Auslandssemester unter Pandemiebedingungen

Taipeh in Taiwan: Erik Goetzke machte im Sommersemester 2021 hier sein Auslandssemester unter Pandemiebedingungen. Foto: Erik Goetzke


Ein Auslandssemester während der Pandemie – geht das überhaupt? Die Antwort hierauf ist wohl ein klares "Jein". Ob ein Onlinesemester an der Dublin Business School von zuhause in Deutschland aus, tatsächlich vor Ort in Südkorea oder teilweise in Deutschland, teilweise in Italien – es gibt unterschiedliche Wege, während der derzeitigen Lage ein Auslands-semester zu absolvieren. Wir haben mit sieben Studierenden gesprochen, die im Auslandssemester studieren bzw. studierten oder an der FH Aachen als internationaler Studierender sind.

Von Köln in Dublin: Maren studiert online in Irland

Eigentlich wollte Maren Horstmann (27, Köln) nach Südkorea. Das obligatorische Auslandssemester ihres Studiengangs "International Business Management" am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften war für sie der Grund, warum sie sich für den Masterstudiengang entschlossen hat. Doch mit Quarantäneverordnungen, verbundenen Extrakosten und Isolierung in einem fremden Land kamen bei Maren viele Zweifel auf. "Letztendlich habe ich mich über Weihnachten gegen das Semester in Asien entschieden. Ich wollte nicht nachher alleine in meinem Zimmer auf einem anderen Kontinent sitzen. Da mein Auslandssemester aber verpflichtend ist, musste ich eine Alternative finden. Dabei war das Akademische Auslandsamt sehr behilflich", erzählt Maren. So wurde für Maren ein Platz an der Dublin Business School gefunden. Da die Kurse vollständig online stattfinden, nimmt sie an diesen von zuhause in Köln teil. "Ich akzeptiere die Situation, würde es aber auch nicht als Auslandssemester bezeichnen. Ich hoffe aber, dass ich mir die Hochschule in Dublin irgendwann angucken kann und sage: ‚Hier habe ich studiert.‘" Die Uni ist erfreulicherweise sehr international, und sie konnte ihr Englisch im "Auslandssemester" deutlich verbessern. „Es ist auch schön zu sehen, dass die digitalen Medien uns den internationalen Austausch überhaupt ermöglichen", fasst sie es zusammen.

Alles auf eine Karte: Robin in Südkorea

Auch Robin Augstein (23, Köln) wollte nach Südkorea. Warum? "Um neue Menschen, eine neue Kultur und ein neues Bildungssystem kennenzulernen. Außerdem auch um super tolles koreanisches Essen zu essen", sagt er fröhlich. Außerdem sei sein Bachelor "Global Business and Economics" am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften prädestiniert dafür. Trotz der Widrigkeiten entschied er sich, den Schritt eines Auslandssemesters zu wagen. Nach seiner Ankunft am Flughafen musste er für zwei Wochen in Quarantäne. Diese konnte er aber bereits im Studierendenwohnheim verbringen und wurde hier von der Uni versorgt. Seine Kurse finden online statt, einen Sprachkurs besucht er jedoch in Präsenz. Er studiert und lebt in Daejeon, der fünftgrößten Stadt in Südkorea. Das Leben in der Zeit der Coronapandemie unterscheidet sich dort gänzlich zu dem daheim in Deutschland: "Alles hat geöffnet. Wir reisen viel, gehen essen oder erkunden Städte. Letztes Wochenende war ich in einem Freizeitpark", erzählt Robin. Der Preis dafür: "Es wird sehr viel überwacht, es wird alles nachverfolgt. Überall wird Fieber vor dem Eintritt gemessen. Nach einem Coronafall werden Bewegungsprofile veröffentlicht." Robin ist trotzdem froh, das Auslandssemester in Südkorea trotz Pandemie wahrgenommen zu haben. Seine Erwartungen haben sich erfüllt. Außerdem fühlt er sich in der besonderen Situation nicht alleine. Hier treffe man viele internationale Studierende und sei direkt verbunden. "Man sitzt im selben Boot", so Robin.

Ganz spontan: Sophie bucht kurzfristig einen Flug nach Namibia

Im selben Boot sitzt auch Magdalena Sophie Peters (23, Bracht, Kreis Viersen). Sie studiert aktuell in Namibia; ja, sie ist tatsächlich auch vor Ort. Nach ihrem Abschluss (B. Sc.) in Bauingenieurwesen am Fachbereich Bauingenieurwesen, entscheidet sie sich dafür, einen zweiten Abschluss an der Namibia University of Science and Technology (NUST) in Windhoek zu machen. Durch eine Kooperation der FH Aachen mit der NUST, die von Prof. Dr. Thomas Krause betreut und ins Leben gerufen wurde, ist es Studierenden dieses Fachbereichs möglich, in Namibia einen zweiten Abschluss innerhalb von zwei Semestern zu machen – ein "Double Degree". Von acht interessierten Studierenden der FH Aachen haben sich im März 2021 letztendlich zwei Studentinnen dazu entschieden, auch in der Pandemie den Weg nach Namibia anzutreten. " Das war schon sehr spontan", sagt Sophie schmunzelnd. "Zwei Wochen vor Abflug habe ich mich final dazu entschieden, nach Namibia zu gehen. Am 17. März habe ich dann meine Bachelorarbeit abgegeben, am 23. März saß ich schon im Flieger. Mein Kolloquium habe ich dann auch aus Namibia per Videokonferenz gemacht", ergänzt sie. Die Motivation nach Namibia zu reisen, auch trotz möglicher Online-Lehre, sei dadurch gekommen, dass gesichert war, dass Sophie vor Ort arbeiten konnte.  Hier arbeitet sie nun drei Tage in der Woche in einem Holzbauunternehmen. "Gestern war ich zum Beispiel auf einer Farm, und wir haben ein Grasdach abgerissen", erzählt sie von ihren Erfahrungen. Ihre Kommiliton:innen sieht sie einmal wöchentlich in der Uni, da im Winter (Mai – September) in Namibia aber die Infektionszahlen gerade wieder steigen, ist noch unklar, ob wieder ein härterer Lockdown kommt. Ihre Zeit bisher konnte Sophie aber gemeinsam mit ihrer Kommilitonin aus Aachen und ihren zugeteilten Buddies (Studierende der NUST) nutzen: sie verbringen ihre Freizeit zusammen – und womit? Na, mit all dem, was man so Schönes in Namibia unternehmen kann: Löwen, Giraffen und Elefanten sehen; die Nationalparks besuchen. Zugegeben: Sophie bereut es nicht, den spontanen Entschluss gefasst zu haben, nach Namibia zu gehen. "Klar, wäre es ohne Corona einfacher gewesen, Leute kennenzulernen. Aber ich hätte auch nicht gewusst, was ich in Deutschland gemacht hätte. Und jetzt lebe ich vor Ort und kann das Land ganz anders kennen lernen, als wenn ich eines Tages nur hierhin gereist wäre."

Auslandssemester an der FH: Amod kommt aus Indien nach Deutschland


"Ich wollte eine sehr praktische Erfahrung machen. Das ist der Grund, warum ich mich für die FH Aachen entschieden habe." Amod Raut (23, Pune) kommt aus Indien. Dort hat er 2019 seinen Bachelor absolviert und wollte ein Masterstudium in Deutschland aufnehmen; genauer: einen Mechatronik-Master am Fachbereich Maschinenbau und Mechatronik der FH Aachen. Auch er stand vor der Entscheidung, sein Studium von daheim in Indien online durchzuführen oder trotz allem nach Aachen zu reisen. "Praktisch gedacht hätte ich natürlich Geld gespart und wäre bei meiner Familie, wenn ich in Indien geblieben wäre. Aber, um mein Deutsch zu verbessern und neue Leute kennenzulernen, wollte ich trotzdem nach Aachen kommen", erzählt der 23-jährige Student. Eine Verschiebung des Auslandsstudiums kam für ihn nicht in Frage: "Ich hatte mich schon ein Jahr auf den Master vorbereitet und hatte auch das Visum. Ich wollte trotz allem alles mitnehmen, was ich kriegen kann." Durch digitale Gruppenarbeiten im Studium an der FH konnte er auch schon ein paar neue Freund:innen gewinnen. Im Sommer plant er, seine Familie in Indien zu besuchen.

Eine andere Welt: Erik lebt bis Januar fast ohne Corona-Sorgen in Taiwan

Ganz anders ging es Erik Goetzke, Biotechnologie-Student am Fachbereich Chemie und Biotechnologie: "Der Unterschied zu Taiwan und dem Rest der Welt war, dass es hier kaum Corona-Infektionen gab", erzählt er. Tatsächlich war Taiwan auch laut dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik zumindest bis Mai 2021 kaum von der Pandemie betroffen. Aktuell sieht sich Taiwan jedoch mit der ersten Welle konfrontiert; Erik ist aber schon wieder zurück. Wie war nun die Zeit im Auslandssemester in Taiwan mit sehr geringen Covid-Infektionen? Im Februar 2020 reist Erik nach Taiwan, also noch vor dem ersten Lockdown in Deutschland, insgesamt bleibt er elf Monate dort und kehrt im Januar 2021 zurück. "Ich habe also eine ganze andere Erfahrung gemacht, als andere im letzten Jahr und wollte auch daher gar nicht zurück. Ich konnte meine Kurse in der Uni besuchen, Leute aus der ganzen Welt kennenlernen und viel über unterschiedliche Kulturen lernen", erzählt Erik. Er belegt an der National Taiwan University of Science in Taipeh vor allem Masterkurse in "Business", um seinen Horizont um dieses Feld zu erweitern. Bei seinen Uni-Besuchen war stets nur ein Eingang des Gebäudes geöffnet, es wurde Fieber gemessen, die Studierenden mussten ihren Studierendenausweis zeigen und nach anschließendem Desinfizieren der Hände konnte das Gebäude betreten werden. Neben der Uni, nutzt er auch seine Freizeit und machte so beispielsweise eine sechswöchige Radtour um die Insel. Insgesamt legte er dabei 1300 Kilometer zurück, schlief unter Palmen und ging fast jeden Tag schnorcheln. Aktuell lebt er im Haus seiner Familie in Spanien: "Da in Deutschland alles online war, konnte ich auch von hier studieren", erzählt er und fasst zusammen: "Ich habe ständiges Fernweh." In Taiwan konnte er dieses dank anfänglich niedriger Inzidenzwerte zumindest etwas stillen.

Maskentragen freiwillig: Kai konnte trotz Pandemie in Schweden studieren

"Mir war von Beginn des Studiums klar, dass ich ein Auslandssemester machen möchte", erzählt Kai Peter Jansen (24, Geilenkirchen), Student des Dualen Studiengangs "Elektrotechnik PLuS" am Fachbereich Energietechnik am Campus Jülich; kooperierende Firma ist das Technologieunternehmen Saurer Spinning Solution GmbH & Co. KG in Übach-Palenberg. Er packt gemeinsam mit einer Kommilitonin im Januar seine Koffer, fährt mit dem Auto nach Travemünde und mit der Fähre weiter bis nach Schweden – hier bleibt er für sechs Monate, um sein Auslandssemester an der Mid Sweden University in Sundsvall zu absolvieren. "Auf der Hinfahrt konnten wir aufgrund der damaligen Corona-Regeln keine Stopps machen", erinnert er sich. In Schweden angekommen, sah die Welt etwas anders aus als zuhause: Hier gab es beispielsweise keine Maskenpflicht; Geschäfte, Restaurants und Kneipen waren geöffnet. "Wir haben die Masken dann aber trotzdem immer angezogen", erzählt Kai. In der Uni besuchte er sowohl Praktika in Präsenz als auch Online-Vorlesungen, die Räumlichkeiten seien aber immer für Gruppenarbeiten offen gewesen. So konnte Kai auch Kontakte zu anderen Studierenden schließen. Am Ende seines Auslandssemesters hat er dann noch einen kleinen Roadtrip durch Schweden gemacht: Sundsvall, Westeros, Göteborg, Helsingborg und Malmö besuchte er, bevor er schließlich die Fähre zurück nach Deutschland nahm. "In Schweden habe ich schon ein Stück Normalität zurückbekommen", erzählt Kai rückblickend. Unabhängig von der pandemischen Lage im Land, hat ihm das Auslandssemester dort so gut gefallen, dass er nach seinem Bachelor gerne einen Master in Maschinenbau oder Elektronik an der gleichen Universität in Schweden machen möchte.

Die hybride Form: Angela studiert zuerst in Deutschland, dann in Italien

Angela Warkentin (26, Aachen) absolviert derzeit ihr Auslandssemester in Siena, Italien. Sie studiert im Master "International Business Management" am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FH Aachen. Ein Auslandssemester ist hier obligatorisch – und für sie auch der Grund, warum sie sich für das Studium an der FH entschieden hat. "Das letzte Semester an der FH Aachen war sehr nervenaufreibend für mich: Klappt es? Soll ich meinen HiWi-Job kündigen? Bis Mitte Februar war noch alles offen", erzählt die Studentin. Und dann hat es geklappt: Angela studiert zunächst online von daheim, bevor sie sich Ostern entscheidet, nach Italien zu reisen - eine Entscheidung, die sie nicht bereut. Nach anfänglichen Online-Kursen durfte sie aufgrund sinkender Inzidenzen nach einiger Zeit schon Veranstaltungen in der Uni besuchen. Und das Leben in der Toskana genießt sie auch mit Corona-Einschränkungen: "Ob ich das Eis in der Gruppe in der Eisdiele esse oder zu zweit oder zu dritt auf der Bank daneben: Am Geschmack ändert das nichts." Außerdem geht sie viel wandern und schätzt die abendlichen Spaziergänge durch die kleinen Straßen der norditalienischen Stadt: "Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich schon nachts durch die Stadt gelaufen bin und mir die Gässchen, die schönen Blumenkästen und Skulpturen angesehen habe." Und im Frühjahr wurde die Toskana schließlich als "gelbe Zone" eingestuft, so dass ihr auch das Reisen ermöglicht wurde und sie sich Städte wie Pisa und Florenz mit Freundinnen und Freunden anschauen konnte. Ob Sie es nochmal machen würde? "Es war zunächst nicht das klassische Auslandssemester. Trotzdem nimmt man viel mit. Man lernt die Sprache, lernt neue Leute kennen. Seit ein paar Wochen kann ich nun aber doch viele der klassischen Erfahrungen eines Auslandssemesters machen, wie in die Uni zu gehen und mich mit größeren Gruppen mit anderen Studierenden zu treffen. Ich bin sehr glücklich mit meiner Entscheidung herzukommen und genieße die Freiheiten jetzt umso mehr. Mein Fazit ist: Was man für ein Auslandssemester in der Pandemie braucht ist Flexibilität, etwas Geduld und eine Maske - es lohnt sich, in meinem Fall, trotzdem!"

Alle Informationen zum generellen Auslandssemester sowie zum Auslandssemester in der Pandemie gibt es hier.