Student Journal

Das Studi-Journal ist ein Projekt von Studierenden des Studiengangs Media and Communications for Digital Business, die bei Dr. Roger Uhle, Leiter der Stabsstelle für Presse-, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing der FH Aachen, das Seminar Wissenschaftsjournalismus besucht haben. Die Studierenden haben im Rahmen der Seminare Texte zu den unterschiedlichsten Themen verfasst, die Studierende bewegen und die wir hier nach und nach vorstellen möchten.

 

 

Avengers und chill?

Ein Text von Sascha Halabut und Kevin Teichmann

Er nimmt allen Mut zusammen und fragt sie: „Hey, hast du den neuen Avengers-Film schon gesehen?“ Sie antwortet: „Nein. Der ist doch vorgestern erst angelaufen.“ Er erwidert: „Möchtest du ihn mit mir gucken?“ „Ja, gerne. Gehen wir zu dir oder zu mir?“

So oder so ähnlich sieht die Zukunft aus. Zumindest wenn es nach dem Video-on-Demand-Anbieter „Red Carpet Home Cinema“ geht. Video-on-Demand (VoD), das ist die Möglichkeit, Filme oder Serien auf Abruf auf dem heimischen Fernsehgerät, dem Computer oder einem mobilen Endgerät abzuspielen. Bekannte Plattformen sind Netflix oder auch Amazon Prime Video.

Doch wie hoch ist die Marktabdeckung eines VoD-Riesen eigentlich? Für 2020 prognostizierte Digital TV Research allein in Deutschland beispielsweise über elf Millionen Netflix-Abonnenten. Das ist mehr als ein Achtel der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik. Mittlerweile ist klar: Netflix steht zum Jahreswechsel 2020/2021 kurz davor, weltweit die Zahl von 200 Millionen Nutzern zu sprengen. Aktuelle Werte zum deutschen Markt hat der Streaming-Riese noch nicht veröffentlicht. Doch die Zahl dürfte über den anvisierten elf Millionen liegen, da der Markt aufgrund der Corona-Krise noch deutlich an Zuspruch erfuhr.

Klar ist aber: Jeder Markt hat seine Nischen. Während die bekannten und großen Player die breite Masse bespielen – und bespaßen –, haben sich Alternativen aufgetan. Weltweit nutzen mittlerweile schließlich rund 958 Millionen Menschen Streaming-Dienste.

Netflix‘ kometenhafter Aufstieg

Doch der Reihe nach. Zunächst muss festgehalten werden, dass die Zahlungsbereitschaft für Inhalte steigt, die über das Internet konsumiert werden. Ein wichtiger Faktor, denn ein mögliches Ende der Kostenloskultur könnte völlig neuen Geschäftsfeldern den Weg ebnen; oder alte wiederaufblühen lassen. Nicht unwesentlichen Anteil dürfte dabei der kometenhafte Aufstieg von Netflix haben.

Die Macher dahinter haben es geschafft, den Dienst zu einer echten Marke werden zu lassen. Kostprobe gefällig? Zum geflügelten Begriff hat sich etwa die Formulierung „Netflix and chill“ entwickelt, ein häufig gewählter Einstieg, um sich zu einem Date zu verabreden.

Go Indie!

Neben dem Streaming-Giganten mit dem „N“ oder Prime Video sprießen weitere Anbieter geradezu aus dem Boden. Sei es „Disney+“, mit dem der Mauskonzern jüngst in den Videostreaming-Markt einstieg, oder eben eine alternative Richtung, die bedient wird. So probiert es etwa die Plattform „realeyz“, die den Fokus auf Independent- und Arthouse-Filme sowie Dokumentationen legt. Der Slogan des Berliner Anbieters lautet passenderweise „Go Indie!“ – und darf als Aufforderung verstanden werden.

Nach 14 kostenlosen Probetagen kostet der Dienst 5,50 Euro pro Monat. Zum Vergleich: Netflix und Amazons Videostreaming-Dienst verlangen mindestens 7,99 Euro monatlich. Indie-Fans kommen auf ihre Kosten bei realeyz – Blockbuster suchen Popcornkinofans jedoch vergeblich. Doch diese sind schließlich auch nicht die Zielgruppe.

Das obere ein Prozent

Red Carpet Home Cinema schickt sich an, eine weitere VoD-Lücke zu schließen. Das Konzept ist simpel. Alle aktuell laufenden Kinofilme sollen eben auch im Heimkino verfügbar sein. Doch die Bedingungen formen eine Art VIP-Klub, der das obere ein Prozent bedient. Die Filme seien „variabel bepreist“ heißt es auf der Website des vor kurzem in den USA gestarteten Dienstes. Laut New York Times bewege sich die Leihgebühr pro Film zwischen 500 und 2500 US-Dollar – für gerade einmal 36 Stunden. Um in den erlauchten Luxusklub aufgenommen zu werden, lösen Konsumenten aber bereits zuvor eine Mitgliedschaftsgebühr von 15.000 Dollar; nicht zu vergessen, dass die hinterlegte Kreditkarte mindestens auf 50.000 Dollar limitiert sein muss.

Angepeilt haben die Köpfe hinter Red Carpet Home Cinema 4000 Kunden, bis Februar 2020 verzeichneten sie zunächst 100 Abonnenten. Ihren Berechnungen zufolge würden sie damit auf einen Jahresumsatz von 300 Millionen Dollar kommen. Aktuell sind fast alle großen Filmstudios bereits an Bord. Die Unternehmer sind guter Dinge, demnächst auch Disney von ihrem Konzept überzeugen zu können. Damit würden auch Kassenschlager wie die Avengers-Filme direkt zum Kinostart verfügbar. Und wer weiß, vielleicht feiert irgendwann ein Film dann sogar seine Premiere beim Red Carpet Home Cinema – statt auf der großen Leinwand oder in den entwicklereigenen Streaming-Plattformen.

Bis zu drei Abos?

Ganz allgemein geht der Trend in der Video-on-Demand-Landschaft zum Zweit- oder Drittabo. Nach Prognosen von Digital TV Research dürfte ein Haushalt im Jahr 2020 im Schnitt über 2,89 Abonnements verfügt haben. Ende 2018 belief sich diese Zahl durchschnittlich noch auf 1,91. Eine signifikante Steigerung. Nur die wenigsten allerdings werden sich ein Abo bei Red Carpet Home Cinema leisten können – oder wollen.