App für Taubblinde

Der erste Schritt zur freischwebenden Kommunikation |

Interdisziplinäres Projekt – Kommunikation mit Taubblinden

 

In allen Bachelorstudiengängen des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik belegen die Studierenden im 4. oder 5. Semester ein interdisziplinäres Projekt, bei dem sie mit Studierenden anderer Fachrichtungen zusammenarbeiten. Oft ist das der Moment, an denen ihnen wirklich bewusst wird, welche Rolle sie mit ihren ganz spezifischen Fähigkeiten später im Berufsleben spielen können und werden.

Prof. Thomas Ritz, Dekan des Fachbereichs erläutert: „Die interdisziplinären Projekte sind ein Kernstück des Konzeptes unserer Studiengänge hier am Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik. Nach dem gemeinsamen Kernstudium lassen wir den Studierenden möglichst viele Wahlmöglichkeiten. Auf Wunsch können sie ihren Neigungen entsprechend Schwerpunkte im Studium setzen oder aber sich verstärkt interdisziplinär aufstellen und auch Wahlmodule aus den verwandten Fachrichtungen wählen. In einem interdisziplinären Projekt werden dann - wie später in den Unternehmen auch - sowohl die Spezialisten gebraucht, als auch die Studierenden an der Schnittstellenfunktion, die zwischen zwei Fachrichtungen vermitteln können. Und genau hier setzen wir an.“

So haben Studierende der Studiengänge Elektrotechnik, Informatik und MCD zusammen einen Prototyp für die Kommunikation mit Taubblinden gebaut.

In Deutschland leben ca. 8000 taubblinde Menschen, die weder hören noch sehen können oder zumindest stark eingeschränkt darin sind. Vielen Taubblinden fällt der Kontakt zur Außenwelt sehr schwer, da jeder auf seine eigene Art und Weise kommuniziert. Das LORMEN ist am meisten verbreitet, aber nicht jeder Taubblinde kann auch Lormen. Das Ziel des Projektes war es, einen Prototypen zu entwickeln, der eine möglichst einfache Kommunikation mit taubblinden Menschen erlaubt. Das Projekt basiert dabei auf Morse Code, welcher über Vibration übertragen wird.

Der Prototyp besteht aus zwei Komponenten: Einem Sender und einem Empfänger. Sprache wird auf Senderseite in Morsezeichen umgewandelt. Diese werden an den Empfänger geschickt und per Vibration ausgegeben.

Der Taubblinde und Regionalgruppenleiter des Vereins PRO RETINA, eine Selbsthilfevereinigung für Menschen mit Netzhautdegeneration, Michael Sachse-Schüler, hat die Studierenden besucht und den Prototyp getestet. Er sieht den klaren Vorteil des Prototyps darin, dass es eben kein Mensch ist, sondern eine Maschine, die sich an eine Kommunikationsgeschwindigkeit herantasten kann, die ein „übersetzender“ Mensch nicht liefern könnte.

Aber er sieht auch noch Nachteile. So werden für den Morse Code mehrere Signale für einen einzelnen Buchstaben benötigt, was die Kommunikation wieder stark in die Länge zieht.

Für die Projekt Teilnehmer ist diese Aussage keineswegs demotivierend, da es von Anfang an klar war, das Morsen für den ersten Entwurf verwendet wird und später mit Lormen oder Braillezeichen ersetzt werden muss. So soll dem ersten Prototyp später auch ein zweiter folgen. Prof. Snjezana Gligorevic, die das Projekt seitens des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik leitete, ist optimistisch: „Das Projekt wird sicherlich fortgesetzt. Wir wissen nach dem Austausch mit Herrn Sachse-Schüler, wie wir es besser machen können!"

Der Weg bis zur „freischwebenden Kommunikation“, von der Herr Sachse-Schüler träumt, ist noch nicht zu Ende beschritten, aber die Studierenden blicken auf durchweg positive Erfahrungen zurück: Sie haben z.B. erstmals Pair Programming gemacht, wichtiges Grundwissen aus den anderen Disziplinen mitgenommen (etwa, dass man in der Elektrotechnik nicht einfach Nullen und Einsen übertragen kann, um analoge Signale darzustellen, sondern diese erstmal umwandeln muss) oder gelernt wie man ein Video aufnimmt und später passend zuschneidet. Auch die App, die die Studierenden entwickelt haben, ist durchaus brauchbar. Der Gegenüber kann einen Satz in die App einsprechen, der dann in Form von Morsezeichen, durch die Handyvibration spürbar wird.

Insgesamt finden sie, dass sie während der Dauer des Projektes noch viel praktischer gearbeitet haben, als es im eh schon stark praxisorientierten Studium an der FH Aachen sonst der Fall ist.

 „Ich glaube unser Projekt kann wirklich helfen und als Grundlage dienen damit andere aus Fehlern und Erfahrungen lernen können, die wir gemacht haben,“ resümiert einer der Teilnehmer. 

Neben der Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team, in das jede Fachrichtung ihre spezifischen Stärken einbringen konnte, haben die Studierenden noch etwas Wichtiges für Ihr späteres Berufsleben gelernt: Mit kritischem Feedback umzugehen, die Anregungen aufzunehmen und weiterzuentwickeln.

Hier geht’s zum Video Interdisziplinäres Projekt „Kommunikation mit Taubblinden“, realisiert von Thomas Julian Schöning, Student im Bachelor Media and Communications for Digital Business.