Dipl.-Psych. Cornelia Balazs, Leiterin der Psychosozialen Beratung gibt Auskunft zur Situation der Studierenden


Frau Balazs, wie ernst ist die finanzielle Lage für die Studierenden?

Die Lage ist sehr vielschichtig und in einigen Fällen tatsächlich sehr ernst. Es gibt aber eine ganze Bandbreite an Ausprägungen. Bei uns in der PSB sind folgende Themen angekommen: wir hatten Anfragen von Studierenden, die Ihren Job verloren haben, kein Geld mehr verdienen konnten und in Folge dessen ihre monatlichen Fixkosten nicht mehr bedienen konnten. Eine Unterstützung durch die Eltern war entweder gar nicht oder nur in sehr geringem Umfang gegeben und auch anderweitige Hilfe nicht möglich. In einem Fall konnte der Student mangels Guthaben nicht mehr telefonieren und hatte auch kein Internetzugang mehr. Damit ist ein ordentliches Studieren und selbst die eigenständige Suche nach Hilfe nicht mehr möglich. Ein anderer Fall musste das Auslandssemester abbrechen und zurück nach Deutschland, wo er keine Wohnung mehr hatte und auch keinen Job, um sich zu finanzieren. Das sind dann sehr existenzielle Fragen, die großen Stress verursachen.
Die finanziellen Hilfen durch die Bundesregierung wurden immer noch nicht ausgezahlt. Viele haben aber bereits seit drei Monaten kein Einkommen mehr und finanzielle Reserven sind entweder gar nicht oder nur in sehr geringen Ausmaß vorhanden. Auch die Ankündigung, dass die Hilfen nur für ein Jahr zinsfrei sind, beruhigt viele Studierende nicht. Im Gegenteil. Ein Darlehen macht vielen Angst, sich längerfristig zu verschulden und diese unter Umständen nicht zurückzahlen zu können. Die unklare aktuelle Lage führt dazu, dass einige Studierende in Bezug auf ihre zukünftigen Jobchancen in den verschiedenen Branchen eher beunruhigt sind.

Wie schätzen Sie die momentane psychische Belastung für die Studierenden ein?

Vielen Studierenden fällt es unheimlich schwer, zuhause alleine zu lernen, sich zu organisieren und sich nicht durch YouTube, Social Media, Streaming Dienste und Nachrichtenseiten ablenken zu lassen.
Auch die Vielfalt und die Menge an Informationen und Aufgaben, die über die unterschiedlichsten Kanäle kommuniziert wurden und sich dann auch noch sehr schnell veränderten, erschwerte den Studierenden eine längerfristige Planung ihres Alltags und verlangte ein hohes Maß an Frustrationstoleranz und Flexibilität. In der Folge steht das Bestehen von Prüfungen auf der Kippe und es stellen sich schnell Zweifel am Studium ein.
Andere fühlten sich durch die Situation so überfordert, dass sie wichtige Anmeldefristen verpasst haben, weil sie diese einfach nicht erfahren haben und nicht daran gedacht hatten, sich proaktiv darum zu kümmern. Jetzt sorgen sie sich, wie sie die Verlängerung ihrer Studienzeit erklären und finanziell stemmen sollen.
Uns wurde berichtet, dass eine Verlängerung der Studienzeit auch bedeuten kann, dass Studierende erst nach ihrem 25. Geburtstag fertig werden können und sie damit deutliche höhere monatliche Krankenkassenbeiträge zahlen müssen, weil sie nicht länger familienversichert sein können.
Manche hatten wiederum große Sorgen, weil sie Vorleistungen für Prüfungen in Gruppen erarbeiten sollten und sie keine Rückmeldungen auf ihre Anfragen bei Kommilitonen erhielten. Sie befürchteten dann, dass ihr Studienabschluss nicht machbar wäre und sich unter Umständen um ein Jahr verzögert. Auch die Ungewissheit, wie und ob Prüfungen absolviert werden können, inwieweit Rücksicht auf mögliche Nachteilsausgleiche genommen werden kann, war für Studierende in der Beratung sehr belastend. Da sie statt zu planen recht lange auf Antworten warten mussten und die Zeit immer weiter voranschritt, wussten sie nicht, in welcher Art sie sich vorbereiten sollten. Das erzeugt hohen Stress, der bei Studierenden mit gesundheitlichen Vorbelastung in der Regel mit einer Verschlimmerung der Symptomatik und Einschränkungen in Bezug auf das Erbringen von Studienleistungen einhergeht.
Die Kontakte zu anderen Studierenden fehlen und viele saßen alleine zu Hause ohne andere Menschen sprechen oder sehen zu können. Das ist auf die Dauer eine hohe psychische Belastung. Viele haben die Eltern oder Familie nicht mehr besucht, weil diese der Risikogruppe angehören oder Kontakt zu Risikogruppen haben. Damit fiel ein großer Rückhalt und sicherer Ort zum Auftanken weg.
Die Haut ist unser größtes und sensibelstes Sinnesorgan. Berührungen lösen biochemische Veränderungen im Körper aus, die wiederum Auswirkungen auf unser individuelles Wohlbefinden und die Gesundheit haben. Durch den erzwungenen Abstand in den letzten Wochen fehlen die Umarmungen, das Händeschütteln, das Nebeneinandersitzen etc. und hat Folgen für unser Gefühlsleben und das Erleben von An- und Entspannung.
Gleichzeitig fehlen bei vielen die üblichen Kompensationsmöglichkeiten, die normalerweise helfen, sich zu entspannen und zu erholen. Sport war und ist teilweise noch nur in eingeschränkten Maß möglich, Treffen und Austausch mit Freunden fehlt, sonstige Freizeitangebote und Aktivitäten sind abgesagt und vertraute Gewohnheiten weggefallen. Langfristig kann sich die psychische Belastung auch auf die körperliche Gesundheit negativ auswirken. Typisch sind Schlafstörungen, Kopf- und andere Schmerzen, Magen-Darm-Probleme oder auch Auswirkungen auf das Immunsystem und eine stärkere Anfälligkeit für Infekte.

Wird sich die Situation für die Studierenden in absehbarer Zeit verbessern?

Ob sich die Situation verbessert wird, hängt von der allgemeinen Situation und der Ansteckungsgefahr ab. Es wird für viele etwas einfacher, wenn Präsenzangebote wieder möglich sind, weil dann der direkte Kontakt und Austausch mit den Kommilitonen wieder da ist. Dann hilft die äußere Struktur sich wieder besser zu organisieren. Auch die zunehmende Erfahrung und Routine im Umgang mit Online-Angeboten wird für mehr Sicherheit und Planbarkeit sorgen und Studierende so entlasten. Für andere, die der Risikogruppe angehören, sind Präsenzveranstaltungen allerdings mit Risiken und Sorgen verbunden.
Für unsere ausländischen Studierenden, die derzeit in ihren Heimatländern sind, wird es allerdings mit den Präsenzangeboten schwieriger, weil sie unter Umständen nicht einreisen können, keine Wohnung (mehr) in Aachen haben und auch Jobs schwerer zu finden sind.
Aber auch wenn es mittlerweile sehr viele Lockerungen gibt und wir dem normalen Alltag wieder ein Stück näher gekommen sind, befinden wir uns immer noch in einem Ausnahmezustand, der jetzt schon drei Monate anhält. Die Krise ist noch nicht überwunden und wir können immer noch nicht aufatmen. Auf der anderen Seite schwinden so langsam die Kräfte, weil die vergangenen Wochen jedem Einzelnen sehr viel abverlangt haben. Für die Studierenden steht allerdings die stressige Prüfungsvorbereitungszeit noch bevor. Ich befürchte, da werden auch in den nächsten Tagen und Wochen noch viele merken, dass sie nicht so belastbar und leistungsfähig sind wie in den vorherigen Semestern. Häufig wird eine Überlastung auch erst mit einiger Verzögerung deutlich. So dass auch in den kommenden Wochen vor oder nach den Prüfungen die Studierenden erst merken, wie erschöpft sie sind. Auch an den Anfragen in der PSB wird deutlich, dass diese Themen erst jetzt, drei Monate nach den ersten Maßnahmen zunehmen.

Was schätzen Sie, brauchen die Studierenden momentan am Dringendsten?

Am Dringendsten werden Offenheit, Interesse und Empathie für den Mitmenschen benötigt. Wir alle versuchen unter den gegebenen Umständen die Aufgaben bestmöglich zu bewältigen, aber jeder hat andere Möglichkeiten und Ressourcen. Was für den einen machbar ist, kann der andere im Moment nicht leisten. Das müssen wir kommunizieren, um Missverständnissen und Vorbehalten vorzubeugen. Gleichzeitig brauchen wir kreative Lösungen bei Problemen, eine gewisse Flexibilität im Umgang mit den Anforderungen, Selbstdisziplin Durchhaltevermögen und ein fürsorgliches Miteinander. Auch die finanzielle Sicherheit und schnelle Hilfen im Notfall bleiben wichtige Punkte.

Werden die Hilfsangebote von den Studierenden in Anspruch genommen und wie hoch schätzen Sie, ist die Zahl derer, die sich keine Hilfe suchen?

Die Studierenden, die Kenntnis von den Hilfsangeboten haben, nehmen unsere Beratung und die anderen Unterstützungsangebote auch in Anspruch. Einige wünschen sich lieber das persönliche Gespräch, da der Austausch von Emails und auch die telefonische Beratung ihre Grenzen haben. Da behelfen wir uns in der PSB mit der Videotelefonie, weil wir noch im Home Office arbeiten und keine Beratungen vor Ort anbieten.
Ich bin aber sicher, es gibt noch eine große Anzahl von Studierenden, die von den Angeboten nicht erfahren, weil sie nicht danach suchen, oder denen noch nicht klar ist, dass ihre aktuellen Schwierigkeiten auch von anderen genauso erlebt werden und verschiedene Stellen dann konkret Unterstützung leisten können. Manch einer traut sich auch nicht, einen Termin zu vereinbaren, aus Angst jemanden, dem es noch schlechter geht, den Platz weg zu nehmen. Uns in der PSB ist es immer lieber, zu einem möglichst frühen Zeitpunkt über Sorgen oder Probleme zu sprechen, um weiteren Verschlechterungen vorzubeugen. Wenn Studierende vor einem 3a Versuch zu uns kommen, ist der Druck viel größer und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten viel geringer, als wenn sie nach dem ersten nicht bestandenen Versuch Hilfe bei der Bewältigung der Prüfungsangst suchen.

 

Kontakt zu den Ansprechpartnern der Psychosozialenberatung

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