Kontext


Unsicherheit


Pfadabhängigkeit


„Pfadabhängigkeit ist eine Situation, in der eine laufende Entwicklung durch historische Entwicklungen oder Entscheidungen bestimmt wird und damit einem Pfad folgt, dessen Struktur sich im Laufe der Zeit verfestigt (Lock-in-Effekt). Dass sich beispielsweise eine Technologie gegenüber einer anderen durchsetzt, ist nicht unbedingt auf ihre Überlegenheit zurückzuführen, sondern kann das Ergebnis historischer Zufälligkeiten und eines sich selbst verstärkenden Prozesses sein."

          Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU): Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte. Hauptgutachten (2016)


Megatrends

Zielvorgaben


Sustainable Development Goals


1 Keine Armut | 2 Kein Hunger | 3 Gesundheit und Wohlergehen | 4 Hochwertige Bildung | 5 Geschlechtergleichheit | 6 Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen | 7 Bezahlbare und saubere Energie | 8 Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum | 9 Industrie, Innovation und Infrastruktur | 10 Weniger Ungleichheiten | 11 Nachhaltige Städte und Gemeinden | 12 Nachhaltiger Konsum und Produktion | 13 Maßnahmen zum Klimaschutz | 14 Leben unter Wasser | 15 Leben an Land | 16 Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen | 17 Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

„Mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung drückt die internationale Staatengemeinschaft ihre Überzeugung aus, dass sich die globalen Herausforderungen nur gemeinsam lösen lassen. Die Agenda schafft die Grundlage dafür, weltweiten wirtschaftlichen Fortschritt im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen der ökologischen Grenzen der Erde zu gestalten.

Die Agenda 2030 wurde im September 2015 auf einem Gipfel der Vereinten Nationen von allen Mitgliedsstaaten verabschiedet. Sie wurde mit breiter Beteiligung der Zivilgesellschaft in aller Welt entwickelt und stellt einen Meilenstein in der jüngeren Geschichte der Vereinten Nationen dar. 

Das Kernstück der Agenda bildet ein ehrgeiziger Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs). Die 17 SDGs berücksichtigen erstmals alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – Soziales, Umwelt, Wirtschaft – gleichermaßen.“

          Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. In: http://www.bmz.de/de/themen/2030_agenda/, abgerufen am 18.08.2020.

„Die Bundesregierung hat sich bei der Weiterentwicklung der Nationalen zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie im Jahr 2017 systematisch an den insgesamt 17 SDGs orientiert. Darüber hinaus hat auch ein Großteil der Bundesländer Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt oder weiterentwickelt, die zumindest zum Teil auf die SDGs ausgerichtet sind. Schließlich arbeitet eine wachsende Zahl deutscher Kommunen an Nachhaltigkeitskonzepten, mit denen ein Beitrag zur Umsetzung der internationalen Nachhaltigkeitsziele geleistet werden soll.“

Um den Stand der nachhaltigen Entwicklung im Hinblick auf die Agenda 2030 abbilden zu können, bedarf es vergleichbarer Indikatoren, welche die SDG-Umsetzung auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene kontinuierlich überprüft und dokumentiert. Eine Arbeitsgruppe von Vertreter*innen von Bertelsmann Stiftung, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Deutscher Landkreistag, Deutscher Städtetag, Deutscher Städte- und Gemeindebund, Deutsches Institut für Urbanistik und Engagement Global hat 2018 in diesem Zuge einen ersten Vorschlag für SDG-Indikatoren für Kommunen vorgelegt.

          Bertelsmann Stiftung, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Deutscher Landkreistag, Deutscher Städtetag, Deutscher Städte- und Gemeindebund, Deutsches Institut für Urbanistik, Engagement Global (Hrsg.): SDG-Indikatoren für Kommunen. Indikatoren zur Abbildung der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen in deutschen Kommunen (2018). In: sdg-portal.de, abgerufen am 18.08.2020.


Neue Leipzig Charta


CO2-neutral bis 2035


          Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH: CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der1,5-°C-Grenze (2020)


Netto-Null


„Die Bundesregierung strebt bis zum Jahr 2050 das sogenannte Flächenverbrauchsziel Netto-Null (Flächenkreislaufwirtschaft) an. Hierbei soll der Anstieg der Siedlungs-und Verkehrsfläche im Einklang mit der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag reduziert und danach weiter gesenkt werden, sodass spätestens bis zum Jahr 2050 der Übergang zur Flächenkreislaufwirtschaft erreicht ist. In Übereinstimmung mit dem Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa der Europäischen Kommission soll der Flächenverbrauch so weit zu reduziert werden, dass bis 2050 netto kein Land mehr verbraucht wird.“

          Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags: Flächenverbrauch in Deutschland (2017)

Trans + Form + Action


Suffizienz


„Suffizienz ist die Frage nach dem rechten Maß. Nachhaltigkeit ist nur mit einer dreifachen Strategie zu erreichen. Öko-Effizienz, also die Erhöhung der Ressourcen-Produktivität, ist weithin anerkannt. Konsistenz bezeichnet den Übergang zu naturverträglichen Technologien, die die Stoffe und die Leistungen der Ökosysteme nutzen ohne sie zu zerstören. Beide Strategien kommen erst zum Ziel, wenn sie von Öko-Suffizienz flankiert werden. Gemeint ist damit eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die dem Überverbrauch von Gütern und damit von Stoffen und Energie ein Ende setzt.

Die erkenntnisleitenden Fragen einer Suffizienz-Forschung heißen:

  • Welche persönlichen, sozialen und politischen Bedingungen stehen einer Orientierung an maßvollen Verbräuchen im Wege, und wie lassen sich diese Hemmnisse überwinden?
  • Mit welchen Einsichten und Handlungsweisen lassen sich Weniger- und Andersverbrauch von Ressourcen in die Breite der Bevölkerung vermitteln? Auf welche Weise ist das herrschende Wohlstandsverständnis in seiner starken Bindung an materielle Güter so veränderbar, dass eine die natürlichen Lebensgrundlagen schonende Entwicklung in der Gesellschaft Wurzeln schlagen kann?
  • Welche wirtschaftlichen und sozialen Folgen hat ein maßvolles Handeln in Haushalten, Unternehmen und Institutionen für Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftswachstum?
  • Welche Geschäftsmodelle gibt es für Unternehmen, deren Produkte und Dienstleistungen zu weniger Konsum beitragen?
  • Welche Strategien und Instrumente sind geeignet, die politischen Voraussetzungen zu schaffen, unter denen suffizientes Leben und Wirtschaften gefördert anstatt erschwert oder gar wirkungslos gemacht wir?"

          Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie: Suffizienz. In: wupperinst.org/themen/wohlstand/suffizienz/, abgerufen am 21.08.2020.


Postwachstumsökonomie


„Als „Postwachstumsökonomie" wird eine Wirtschaft bezeichnet, die ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts über stabile, wenngleich mit einem vergleichsweise reduzierten Konsumniveau einhergehende Versorgungsstrukturen verfügt. Die Postwachstumsökonomie grenzt sich von landläufigen, auf Konformität zielende Nachhaltigkeitsvisionen wie „qualitatives", „nachhaltiges", „grünes", „dematerialisiertes" oder „decarbonisiertes" Wachstum ab. Den vielen Versuchen, weiteres Wachstum der in Geld gemessenen Wertschöpfung dadurch zu rechtfertigen, dass deren ökologische „Entkopplung" kraft technischer Innovationen möglich sei, wird somit eine Absage erteilt. [...]

Das Konzept der Postwachstumsökonomie orientiert sich an einer Suffizienzstrategie und dem partiellen Rückbau industrieller, insbesondere global arbeitsteiliger Wertschöpfungsprozesse zugunsten einer Stärkung lokaler und regionaler Selbstversorgungsmuster. Enthalten sind zudem Ansätze der Geld- und Bodenreform."

          Nico Paech: Grundzüge einer Postwachstumsökonomie (2009). In: http://www.postwachstumsoekonomie.de/material/grundzuege/, abgerufen am 26.11.2020.


Teilhabe


„Teilhabe beschreibt eine von drei Dimensionen […] für die Transformation zur Nachhaltigkeit. Der WBGU differenziert Teilhabe in substanzielle Teilhabe, ökonomische Teilhabe sowie politische Teilhabe. Unter substanzieller Teilhabe versteht der WBGU den Zugang der Bewohner einer Stadt zu Nahrung, sauberem Trinkwasser, sanitären Anlagen, adäquatem Wohnraum, Gesundheitsversorgung, Bildung, modernen Energie- und Telekommunikationsdienstleistungen, Mobilität, Abfallentsorgung, gesunder Umwelt sowie Sicherheit. Ökonomische Teilhabe umfasst den Zugang zu Einkommen, eine Integration in ein formales oder informelles Wirtschaftssystem, insbesondere den Arbeits- und Immobilienmarkt, sowie eine inklusive Verteilung der verfügbaren Einkommen und Vermögen. Unter politischer Teilhabe versteht der WBGU die Beteiligung städtischer Bewohner an lokalen Entscheidungsprozessen."

          Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU): Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte. Hauptgutachten (2016)


Governance


„Governance bezeichnet Steuerungs- und Regelungsstrukturen auf unterschiedlichsten Ebenen, die von hoheitlichen Akteuren, nicht hoheitlichen Akteuren oder beiden Akteursgruppen gemeinsam etabliert werden. Das Konzept ist ursprünglich in Abgrenzung zum Begriff Government (Regierung) entstanden und besagt, dass politische Steuerung nicht nur hierarchisch vom Staat, sondern auch von zivilgesellschaftlichen Akteuren wie Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen wahrgenommen wird.

Governance-Strukturen im Mehrebenensystem lassen sich je nach Anordnung in vertikale oder horizontale Strukturen unterscheiden. Vertikale Governance-Strukturen sind hierarchische Anordnungen, in der eine übergeordnete Ebene (z. B. Nationalstaat) gegenüber einer untergeordneten Ebene (z. B. Städte) weisungsbefugt ist und für sie bindende Entscheidungen trifft. Horizontale Governance-Strukturen beschreiben den freiwilligen Zusammenschluss von Akteuren auf einer Ebene, beispielsweise den von Städten in Städtenetzwerken. […]"

          Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU): Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte. Hauptgutachten (2016)


Mehrfache Innenentwicklung


Von der doppelten Innenentwicklung zur fünffachen Innenentwicklung

„Doppelte Innenentwicklung heißt, Flächenreserven im Siedlungsbestand nicht nur baulich, sondern auch mit Blick auf urbanes Grün zu entwickeln. Auf diese Weise sollen der offene Landschaftsraum vor weiterer Flächeninanspruchnahme und zusätzlichen baulichen Eingriffen geschützt und gleichzeitig die ökologischen Funktionen des urbanen Grüns bewahrt und entwickelt sowie der Siedlungsraum durch Maßnahmen der Freiraumentwicklung qualifiziert werden. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den für den Naturschutz relevanten Apsekten."

          Bundesamtes für Naturschutz (Hrsg.): Doppelte Innenentwicklung – Perspektiven für das urbane Grün. Empfehlungen für Kommunen (2016)"

„Wenn es das Ziel ist, Lebensqualitäten in der Region zu erzeugen, darf es bei der Nachverdichtung keinen Standard räumlicher Strukturen in Form von allgemeingültigen Maßzahlen geben. Um nicht im planungsrechtlichen Korsett hängen zu bleiben, schlagen wir daher vor, bauliche Dichte nicht mehr nur über GFZ, GRZ und Einwohnerzahlen zu messen sondern diese um weitere Faktoren wie die Qualität des öffentlichen Raumes und der stadträumlichen Vernetzung zu erweitern. Eine zentrale Herausforderung bei der Nachverdichtung besteht nämlich darin, den Bestand nicht nur baulich, sondern auch mit Blick auf die urbane Grünraumgestaltung und Mobilitätsinfrastruktur weiter zu entwickeln. Um die negativen Folgen einer Verdichtung (Versiegelung, Verkehrsaufkommen) von vornherein zu minimieren, gilt es – im Sinne einer „dreifachen Innenentwicklung bzw. Nachverdichtung" – neben der Erhöhung der Bebauungsdichte und Nutzungsvielfalt (Diversifizierung), gleichzeitig das Grünvolumen quantitativ und qualitativ zu erhöhen sowie das Mobilitätsangebot vor Ort multimodal und klimagerecht zu optimieren."

          must, H+N+S, STELLWERK: Perspektivenwechsel. Erläuterungen zum Entwurf des Strukturkonzeptes für die Region Köln/Bonn (2018)

„Prinzip der »fünffachen Innenentwicklung« in urbanen Gebieten

Mit Erhöhung der Bebauungsdichte muss eine Nutzungsvielfalt, eine Erhöhung und qualitative Aufwertung des Grünvolumens und des Mobilitätsangebots sowie die gleichberechtigte Berücksichtigung baukultureller und energetischer Aspekte einhergehen."

          Zukunftsagentur Rheinisches Revier – IRR GmbH (Hrsg.): Wirtschafts- und Strukturprogramm für das Rheinische Revier 1.0 (2020)


Gemeinwohlorientierte Bodenpolitik


          Karoline Meyer, Katharina Ritter, Angelika Fitz, Architekturzentrum Wien (Hrsg.): Boden für alle (2020)

          Stefan Rettich, Sabine Tastel (Hrsg.): Die Bodenfrage  Klima, Ökonomie, Gemeinwohl (2020)

          Florian Hertweck (Hrsg.): Architektur auf gemeinsamem Boden. Positionen und Modelle zur Bodenfrage (2020)

          Werner Heinz, Bernd Belina: Die kommunale Bodenfrage (2019)

          Brigitta Gerber, Ulrich Kriese (Hrsg.): Boden behalten – Stadt gestalten (2019)

          Hans-Jochen Vogel: Mehr Gerechtigkeit! Wir brauchen eine neue Bodenordnung – nur dann wird auch Wohnen wieder bezahlbar (2019)

          ARCH+ 231: The Property Issue – Von der Bodenfrage und neuen Gemeingütern (2018)

          Frauke Burgdorff, Jochen Lang, Stefan Rettich: Mehr Boden für Wohnen. Vorschlag für die Gründung einer Bodenstiftung des Bundes als Fundament für dauerhaft bezahl­bare Wohnungen (2017)

          Deutsches Institut für Urbanistik, vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V.: Roadmap Bodenpolitik. Bodenpolitische Agenda 2020-2030 (2017)

          Hans Bernoulli: Die Stadt und ihr Boden (1949)


Transformative Forschung


„Eine Wissenschaft, die komplexe gesellschaftliche, ökonomische und technische Veränderungsprozesse begleitet, muss die sich verändernden Systeme verstehen. Sie kommt ohne Systemmodelle und Systemwissen nicht aus: Die Vieldimensionalität der unterschiedlichen Wenden, die einer Großen Transformation zugrunde liegen, sprengen die Möglichkeiten herkömmlicher Modelle. Wenn eine Transformationsforschung nur Veränderungen im Nachhinein beobachtet, fehlt zudem die empirische Basis. Das ist der Grund, warum die Transformationsforschung in den letzten Jahren vermehrt auf […] »Reallabore« […] zurückgreift. Indem Wissenschaftlerinnen zusammen mit Akteuren vor Ort gemeinsam Veränderungen anstoßen, lernen sie – gemeinsam – über die Möglichkeiten und Muster erfolgreicher Veränderungsprozesse.

Daher ist eine Transformationsforschung auf neue Formen von Forschungsinfrastrukturen angewiesen: Reallabore sind Räume, in denen Wissenschaftlerinnen zusammen mit Akteuren vor Ort konkrete Interventionen vornehmen […]. Transformationsforschung wird damit zur transformativen Forschung. […] Auf diese Weise werden Reallabore zu Versuchsräumen für neue Produktions-, Produkt-, Konsum- und Handlungsmuster."

          Uwe Schneidewind: Die große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels (2018)


Transformatives Lernen


„Transformatives Lernen bedeutet, Wissen, Haltung und Fähigkeiten in Lernprozessen zu entwickeln. Transformatives Lernen ist ein wichtiger Baustein einer transformativen Wissenschaft, die sich nicht nur auf die Produktion von Systemwissen [= Problem-Analyse], sondern auch auf die Entstehung von Zielwissen [= Visions-Entwicklung] und von Transformationswissen [= Experimente + Diffusion & Lernen] konzentriert […]. In der transformativen Wissensproduktion geht es nicht nur um neue Arten des »Forschens«, sondern auch um neue Formen des Lernens. »Transformatives Lernen« bzw. »Transformative Bildung« […] zielt auf ein Lernen, das eigene Denkweisen und Vorannahmen reflektiert und diese erweitert. Im Kontext von Transformationsprozessen zu einer Nachhaltigen Entwicklung zielt transformative Bildung zudem auf ein Verständnis von Handlungsoptionen und Lösungsansätzen […] und stärkt damit Kompetenzen von Pionierinnen und Pionieren des Wandels. […]

Orte transformativen Lernens reichen weit über Schulen und klassische Bildungseinrichtungen hinaus. Sie müssen Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen und Gestaltungskontexten erreichen. Das ist einer der Gründe, warum urbane Reallabore bedeutende gesellschaftliche Lernräume sind […]."

          Uwe Schneidewind: Die große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels (2018)


Other ways of doing Architecture


Der nicht direkt ins Deutsche übersetzbare Begriff der Agency = Agentur, Stellvertretung, Vermittlung, Wirkung, Handeln, Kraft …, ein seit einigen Jahren im Architekturdiskurs angewandter Begriff, wird zur Handlungsanweisung.

Spatial Agency. Other ways of doing Architecture formuliert einen neuen Zugang, wie Gebäude und Raum produziert werden können. Dabei verlässt er den traditionell architektonischen Fokus der Gestalt und der Konstruktion von Gebäuden. Vielmehr richtet er den Blick auf das wesentlich weitere Feld an Möglichkeiten, in dem Architekt*innen und Nicht-Architekt*innen gemeinsam handeln können. Kollaborative Ansätze oder das Handeln im Interesse anderer wird dabei zur Prämisse gegenüber der Architekt*in als Held*in, Architektur als Trägerin von Belangen ersetzt Architektur als Tatsache. Als Tatsache unterliegt Architektur Regeln und Methoden, als Trägerin von Belangen tritt Architektur in soziale Gefüge ein, in denen die Konsequenzen von Architektur wesentlich mehr Bedeutung haben als die Architektur selbst.

          Nishat Awan, Tatjana Schneider, Jeremy Till: Spatial Agency. Other ways of doing Architecture (2011)


Politisch handeln


Prolog

„Der Traum vom ewigen Wachstum ist geplatzt. Reduktion ist keine modische Attitüde, sondern Überlebensnotwendigkeit. Ökologisches Umsteuern braucht Ideen und Kreativität.

Was wollen wir hinterlassen? Wir haben nur diese eine Welt. Für ihren Erhalt tun auch wir als Architektinnen und Architekten, als Stadtplanerinnen und Stadtplaner zu wenig.

Dabei ist unsere Vorstellungskraft, unsere Phantasie zur Beantwortung der Frage, wie wir zukünftig leben wollen, von großer Bedeutung. Diese Zukunft gestalten wir jetzt. Eine Konzeption von Städten, Infrastrukturen, Wohnhäusern, Fabrikations- und Bürogebäuden entscheidet, ob Menschen ihr Leben besser in Einklang mit der Umwelt bringen können. [Architektinnen und Stadtplanerinnen,] Architekten und Stadtplaner sind Impulsgeber, und ihre gebauten Werke können Katalysatoren für ein Umdenken sein."

Postulate

I. Politisch denken und sich einmischen _ II. Erzählungen für ein neues Zukunftsbild _ III. Achtung des Bestands _ IV. Einfach intelligent _ V. Bauen als materielle Ressource _ VI. Vollständige Entkarbonisierung _ VII. Neue Mobilitätsformen _ VIII. Polyzentralität stärken _ IX. Kultur des Experimentierens _ X. Politische Versuchsräume

Perspektiven

„Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner arbeiten kreativ und gestalterisch. Gute Gestaltung wird dabei zu einem sinnlich wahrnehmbaren Ausdruck für das neue Verantwortungsgefühl, das die Bauten sichtbar vertreten. Den Zukunftsglauben an eine nachhaltige Entwicklung können wir stärken, indem wir zeigen, dass durch kreatives Unterlassen und Reduzieren neue Lebenswelten entstehen. Ein konzeptionelles Weiterdenken des bereits Vorhandenen in unseren Städten und Regionen wird dann zu einem wichtigen Teil des gesellschaftlichen Narrativs, das nicht moralisiert, sondern den Gewinn der ökologischen Wende betont. Dafür müssen wir die Chancen neuer Tätigkeitsfelder aufnehmen und uns komplexeren Prozessen stellen."

          Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA (Hrsg.): Das Haus der Erde. Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land (2019, 3. Auflage 2020)

Prolog: Für ein neues Selbstverständnis von Architektinnen und Architekten

„Die politische Forderung nach einem klimaneutralen Gebäudebestand ist richtig. Das Errichten und Betreiben von Gebäuden ist derzeit extrem energie- und materialintensiv. Das muss sich ändern.

Mit unserer Arbeit können wir Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner exemplarisch zeigen, wie die enormen Umweltbelastungen unserer verbrauchsorientierten Wirtschaftsweise reduziert werden können. Wir können zeigen, wie ein kreatives Einsparen von Ressourcen möglich ist. Wir können zeigen, wie mit regenerativen Energien und mit nachwachsenden und wiederverwendbaren Rohstoffen eine klimaneutrale Architektur gestaltet werden kann. Wir können zeigen, wie Bestandsgebäude ökologisch und sozial saniert werden. Architektur kann so ein motivierendes und positives Zukunftsbild mitgestalten.

Wir brauchen architektonische und städtebauliche Entwürfe, die so weitsichtig und verantwortungsvoll geplant sind, dass sie über einen langen Zeitraum Bestand haben. Dafür müssen sie gleichermaßen ökologischen und gestalterischen Kriterien gerecht werden.

Ein ökologisch verantwortliches Handeln ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner stehen zu den Klimazielen von Paris und tragen mit ihrem Wirken Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt.

Verbunden ist damit ein geändertes Rollenverständnis des Berufsstands: ökologische Konzepte und Strategien sind künftig intensiver gemeinsam und kooperativ mit den Menschen vor Ort zu erarbeiten und wenn möglich umzusetzen. In Beteiligungsprozessen kann die Wirkungsmacht des persönlichen Verhaltens erlebt und so die Motivation und Akzeptanz für den notwendigen ökologischen Wandel gestärkt werden."

Kernpunkte verantwortungsvoller Klimapolitik

[…] „Verantwortliche Klimapolitik beruht auf folgenden Prinzipien, die durchgängig in der Gesetzgebung zu verankern sind:

  • die Bedürfnisse der Menschen sind mit den Erfordernissen der Natur in eine Balance zu bringen
  • der Verbrauch an Energie und Material wird ganzheitlich bewertet
  • die ökologischen Wirkungen von Gebäuden werden über den gesamten Lebenszyklus betrachtet
  • Umweltkosten sind vom Verursacher zu tragen und nicht länger von der Gesellschaft" […]

Thesen 

1. Kultur des Experimentierens: Innovationen fördern _ 2. Energie- und Materialverbrauch: ganzheitlich im Lebenszyklus bewerten _ 3. Einfach intelligent: Technik und Verbrauch reduzieren _ 4. Achtung des Bestands: Gebäude nachhaltig sanieren _ 5. Zirkuläre Materialkreisläufe: weniger Abfall, mehr Wertstoffe _ 6. Bodenpolitik: umwelt- und sozialgerecht _ 7. Kapitalmarkt und Finanzierungsmodelle: verantwortlich investieren _ 8. Regionen: Städte und Gemeinden stärken _ 9. Öffentliche Auftraggeber: Pioniere des Wandels

          Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA (Hrsg.): Das Haus der Erde – politisch handeln. Politische Aufforderungen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land (2020)

Kontakt


Grundlagen der Stadtplanung,
urbane Transformation und
innovative Prozessgestaltung

Prof. Dipl.-Ing.
Isabel Maria Finkenberger

Bayernallee 9
52066 Aachen
Raum 02110

finkenberger(at)fh-aachen.de

T +49. 241. 6009 51113
F +49. 241. 6009 51205

Sprechzeiten

Nach Vereinbarung via Mail