Auf einen Plausch zwischen Filmfestival und neuen Projekten – ein Interview mit Lina Westphal

 

Bei all den spannenden Terminen in ihrem Leben war es nicht so einfach sie zu erwischen, doch wir haben es geschafft sie für ein kleines Interview zu treffen. Die Rede ist von Lina Westphal, die mit ihrem Semesterprojekt bei den diesjährigen „Indie Short Awards“ in der Kategorie „Best Female Student Director“ ausgezeichnet wurde. Was für ein toller Erfolg!

Ihr Kurzfilm „Butcherette“ spielt in den 50er-Jahren und handelt von der Metzgerin Gerda, die von ihren aufmüpfigen Kunden gut gemeinte Ratschläge zu ihrer Ehe und ihrem Aussehen erdulden muss. Erst im Nachhinein stellt sich heraus, wie sie den Tratsch kompensiert hat – denn das Fleisch, was sie an ihre Kunden ausgibt, ist nicht tierischer sondern menschlicher Natur. Der klare Verlierer der Geschichte ist dabei Gerdas Ehemann, der untermalt von einem von Gerda performten Song, in seine Einzelteile zerlegt wird. Eine schaurig schöne Erzählung vom Ungleichgewicht der Gerechtigkeit nimmt ihr blutiges Ende.

Lina Westphal hat uns einige spannende Fragen beantwortet, die Einblick hinter die Kulissen gewähren und der Botschaft des Kurzfilms auf den Grund gehen:

Fachbereich Gestaltung: Also Lina, stell dich gerne kurz vor.

Lina Westphal: Ich heiße Lina Westphal und ich studiere an der FH Aachen im Fachbereich Gestaltung Kommunikationsdesign. Zurzeit muss ich nur noch meine Bachelorarbeit schreiben, um das Studium abzuschließen.

Fachbereich Gestaltung: Wie bist du auf die Idee für den Kurzfilm gekommen?

Lina Westphal: Normalerweise ist man wirklich lange am Überlegen aber das war einfach auf einmal in meinem Kopf. Die Idee war aus dem nichts da.

Fachbereich Gestaltung: Was ist für dich die Botschaft des Kurzfilms?

Lina Westphal: Es geht nicht wie man vielleicht denkt um Rache, sondern um die Rolle der Frau in den 50er-Jahren. Genau diese Rolle wollte ich mit dem Film zum Ausdruck bringen. Man durfte als Frau zum Beispiel nicht ohne Erlaubnis arbeiten oder sich ohne Beweise für Betrug einfach scheiden lassen. So waren den Frauen in vielerlei Hinsichten die Hände gebunden. Nach außen musste ständig das Bild der perfekten und glücklichen Hausfrau gewahrt werden, während autonom zu handeln, wie wir es kennen, untersagt war. Das hat mich immer schon interessiert. Diese extreme Machtausübung hat mich nachdenklich gemacht, ob ich rebellisch gewesen wäre. In der Welt in der wir aufgewachsen sind, ist das schwer zu sagen, da wir diese Disbalance nicht kennen. Wir sind privilegiert. Es ist unvorstellbar, dass der eigene Mann so viel vorschreibt. Der Kurzfilm dient als ein kleiner Einblick in die Zeit der 50er und regt die Zuschauer dahingehend zum Nachdenken an.

Fachbereich Gestaltung: Wie würdest du den Kurzfilm denn in drei Wörtern beschreiben?

Lina Westphal: Das ist sehr schwer… Aber ich glaube ich würde Gerechtigkeit ≠ Recht sagen… oder Gerechtigkeit, Seelenfrieden und Befreiung. Mit Letzterem meine ich den Ausbruch aus dem metaphorischen, goldenen Käfig.

Fachbereich Gestaltung: Wie genau hast du das alles im Kurzfilm umgesetzt?

Lina Westphal: Mir war wichtig, dass im ersten Teil des Films, bevor das Musikvideo ansetzt, die Gefühle der Protagonistin (der Metzgerin) möglichst authentisch und nahgehend präsentiert werden. Deswegen zieht sich dieser Teil so lange und ist löst dieses unangenehme, nervige und ätzende Gefühl beim Zuschauer aus. Diese ersten paar Minuten sollen kaum ertragbar sein. So schwer es der Metzgerin fällt den Tratsch der Menschen, die die Metzgerei betreten, durchzustehen, so schwer soll es auch dem Zuschauer fallen den ersten Teil des Films mitanzusehen. Hierfür haben wir mit vielen lauten Sounds und Nahaufnahmen gearbeitet. Das Ziel war, dass man die Metzgerin versteht, bevor man weiß, was war.

Fachbereich Gestaltung: Das ist dir auf jeden Fall gelungen. Unsere nächste Frage bezieht sich auf den Dreh des Kurzfilms, wie und unter welchen Bedingungen fand dieser statt?

Lina Westphal: „Butcherette“ haben wir Anfang diesen Jahres während des Lockdowns gedreht. Es war mein erstes wirklich großes Projekt. In dieser Zeit war es kaum möglich professionelle Schauspieler für den Film zu organisieren, geschweige denn überhaupt zu drehen. Die Location zu organisieren war zudem auch sehr schwierig, da alle Lokalitäten geschlossen hatten und man sich eigentlich nicht mit mehreren Personen treffen konnte. Alle Beteiligten mussten PCR-Tests vorweisen, was mit einem gewissen Kostenfaktor verbunden war. Zudem mussten die Schauspielenden sehr spontan sein. Gedreht haben wir dann bei -8 Grad, was einen weiteren schwierigen Umstand darstellte. Dennoch war es ein unglaubliches Glück, dass wir in dieser Metzgerei auf dem Dorf drehen konnten. Ich hatte einen Aufruf an Studierende gestartet und über mehrere Ecken konnte die besagte Metzgerei organisiert werden. Diese hatte von Grund auf den gewissen 50er-Jahre Charme.

Fachbereich Gestaltung: Wer hat in dem Kurzfilm dann mitgespielt, wenn professionelle Schauspieler keine Möglichkeit boten?

Lina Westphal: Alle Schauspieler sind Freunde oder andere Studenten. Sie haben das alle sehr gut gemacht, wie ich finde. Die Sängerin kannte ich vorher schon aus Schulzeiten. Das Lied, dass man im Kurzfilm hört hat sie nur für dessen Zweck geschrieben. Ich habe gedacht: „Für diese Rolle brauche ich eine Frau die eine unglaublich starke Stimme hat“ und dann ist sie mir direkt eingefallen. Auch vom Auftreten und vom Charakter her hat sie einfach perfekt in die Rolle gepasst, die ich geschrieben hatte.

Fachbereich Gestaltung: Hast du dann das komplette Drehbuch nach deinen Vorstellungen umsetzen können?

Lina Westphal: Das Drehbuch wurde eigentlich komplett umgesetzt. Vor Ort hatten wir noch einige gute Ideen, die wir eingearbeitet haben. Die Szenen, die geplant waren, kamen in einen Timeslot und wurden nicht chronologisch, sondern Shot für Shot abgedreht. Welche Szene welcher folgt wird danach entschieden, was am wenigsten Umbau erfordert. Wenn es mehrere Shots aus einer Perspektive geplant sind, dann werden diese nacheinander gefilmt. So gewährleistet man, dass man nicht zu viel Zeit für den Umbau verschwendet. Insgesamt hatten wir 5 ½ Drehtage.

Fachbereich Gestaltung: Eine Frage zum Bühnenbild: Musstet ihr noch viel selbst präparieren?

Lina Westphal: Eigentlich mussten wir kaum was verändern. Der Drehort sah von Anfang an sehr authentisch aus. Wir haben versucht einige der Fleischprodukte durch vegetarische oder vegane Alternativen zu ersetzen. Das war aber nicht immer möglich und vor allem ziemlich teuer, bei diesem sowieso schon sehr teurer Projekt. Es tat uns in der Seele weh, aber manchmal musste es echtes Fleisch sein. Die Produkte haben wir fast vollständig verwertet. Das Schweineherz hat zum Beispiel der Hund der Hauptdarstellerin nach Abdrehen der Filmarbeiten bekommen. Wir haben unser Bestes gegeben.

Fachbereich Gestaltung: Was hat dir am meisten Spaß gemacht?

Lina Westphal: Die Arbeit mit der Crew hat mir am meisten Spaß gemacht. Bei den etwas schwierigen Bedingungen war es mir wichtig, dass alle zufrieden sind. Trotz der Kälte hatten wir sehr viel Freude am Set und sind als Team zusammengewachsen. Das hat mich sehr glücklich gemacht. Ebenso die Tatsache, dass ich so viele für dieses Projekt begeistern konnte. Alle sind für den Film an ihre Grenzen gegangen. Ich bin wirklich richtig stolz auf die Crew und die Schauspieler. In Cannes sind wir sogar zu elft, da so viele aus der Crew solche Lust auf den Trip hatten und sich so sehr über die Auszeichnung freuen.

Fachbereich Gestaltung: Darf man auf ein weiteres Projekt dieser Art gespannt sein?

Lina Westphal: Mein neustes und letztes Projekt habe ich vor drei Wochen abgedreht. Hier wurde tatsächlich ziemlich viel im Vergleich zu dem ursprünglichen Drehbuch verändert (lacht). Dieser Film ist auf jeden Fall auch sehr spannend geworden. Mehr verrate ich noch nicht.

Fachbereich Gestaltung: Wir bleiben gespannt. Danke dir liebe Lina und bis zum nächsten Interview hoffentlich!

Lina Westphal: Immer gerne!