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Architektur als räumliche Inszenierung von Ideologie
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Architektur ist Stein gewordener Gestaltungswille. Sie verbildlicht nicht nur das Denken der Bauherr:innen, sie übt auch starken Einfluss auf die Menschen in ihrem Umfeld aus. Für die nationalsozialistischen Machthaber waren Gebäude ein wesentliches Ausdrucksmittel ihrer Ideologie – das gilt sowohl für Neubauten als auch für die Nutzung von Bestandsbauten.
Erziehungsbauten und Zwangsunterkünfte
Masterstudierende des FH-Fachbereichs Architektur haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt, und sie sind in Aachen und Umgebung auf die Suche nach Spuren der NS-Architektur gegangen. Die Arbeiten der Studierenden beschäftigen sich mit zwei Themenbereichen: Zum einen geht es um Erziehungsbauten – also etwa um Heime für Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM); zum anderen geht es um Gebäude, die als Zwangsunterkünfte benutzt wurden. So oder so stellt sich rund 80 Jahren nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft die Frage, welche Spuren dieser Nutzung noch im Stadtbild zu sehen sind und wie wir heute damit umgehen.
Architektur als pädagogisches Instrument
Bei den Erziehungsbauten sind zum einen jene Gebäude interessant, die eigens für diese Nutzung gebaut wurden – etwa als HJ-Heime. Mirja Schwerdt und Lia Kanzen haben sich mit deren Funktion und Gestaltung auseinandergesetzt. “Die HJ-Heime waren zentrale Einrichtungen der nationalsozialistischen Jugenderziehung und ein wesentliches Instrument ideologischer Durchdringung und sozialer Kontrolle”, erläutern sie. Die Einrichtungen hätten politische, pädagogische, soziale und administrative Funktionen vereint. Die Architektur folgte dabei klaren Prinzipien: “Hierarchien, ritualisierte Abläufe und Gemeinschaftsideale der Hitlerjugend wurden in den Gebäuden physisch ablesbar.” Architektur sei als pädagogisches Instrument genutzt worden.
HJ-Heim am Heißberg in Burtscheid
Das Muster findet sich in zahlreichen Gebäuden deutschlandweit, in Aachen lässt es sich am HJ-Heim am Heißberg in Burtscheid ablesen. Die Architektur des 1937 entstandenen Gebäudes setzt sich bewusst von der Moderne ab und priorisiert Ordnung und Strenge. Gleichzeitig wird durch die Bezugnahme auf Natur und bäuerliche Tradition Emotionalität und Heimatgefühl vermittelt. Seit 2008 steht das Gebäude unter Denkmalschutz, die Bausubstanz ist fast vollständig erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zentrale NS-Zeichen entfernt, jedoch ist die Ideologie damaliger Zeit an vielen Gestaltungs- und Planungsprinzipien weiterhin klar erkennbar.
Gigantisches Bauprojekt in der Eifel
Im Stil des Burtscheider Jugendheims sieht man Anklänge an ein Projekt, das in der NS-Zeit etwa 40 Kilometer südöstlich in Angriff genommen wurde – die sogenannte Ordensburg Vogelsang, ein gigantischer Baukomplex oberhalb des Urftstausees in der Eifel. Formale Anklänge an die Bauten des Mittelalters wurden hier bewusst mit modernen Bauweisen kombiniert. “Kaiserzeit, Rittertum und Orden dienten als Mythen deutscher Ursprünglichkeit, die die NS-Ideologie zu einer Erzählung von Reinheit, Ordnung und Hierarchie transformierten”, betonen Selin Kayku und Medayin Özen, das Resultat beschreiben sie als “räumliche Inszenierung von Ideologie”.
Rückgriff auf historische Gebäude
Bei der (räumlichen) Einrichtung ihres Erziehungssystems griffen die Nationalsozialisten in Aachen auch auf bestehende Bauten zurück – vorzugsweise auf Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Im Marschiertor und im Ponttor waren ebenso Lehr- und Aufenthaltsräume untergebracht wie im Langen Turm, im Pfaffenturm oder im Marienturm (heute Veltmanplatz).
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Zwangsunterkunft am Grünen Weg
Ein zweites großes Thema des Lehrgebiets der historischen Bauforschung im abgelaufenen Wintersemester waren die Spuren der ehemaligen Zwangsunterkünfte. In diesen Gebäuden wurden vor allem Menschen jüdischen Glaubens zwangsweise untergebracht; sie lebten dort unter unwürdigen Umständen, bevor sie in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden.
Zu diesem Thema leisteten die Studierenden Pionierarbeit, da es bislang kaum detaillierte Forschungen zu den Einzelobjekten gab. Mitte des 19. Jahrhunderts war an der Stelle, wo heute das Neue Kurhaus steht, das Maria-Hilf-Hospital gebaut worden, damals eines der modernsten Krankenhäuser Preußens. In einiger Entfernung davon - dort, wo heute Passstraße, Lombardenstraße und Grüner Weg aufeinandertreffen - befand sich einst ein Barackenlager, das als Isolierstation für Menschen mit ansteckenden Krankheiten diente. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Lager von französischen und belgischen Besatzungstruppen genutzt, später von der Schutzpolizei, bevor es ab 1931 als Obdachlosenunterkunft diente. Ab 1941 wurden Jüd:innen dort zwangsuntergebracht – wie viele genau, ist nicht bekannt. Nach Recherchen der Studierenden befand sich ab 1937 zudem in einigen Baracken sowie in der benachbarten Karlsburg ein HJ-Heim. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Baracken noch als Notunterkünfte genutzt, später verfielen sie zusehends. 1964/65 wurden sie schließlich abgerissen. Anhand der wenigen überlieferten Fotografien der Baracken aus der unmittelbaren Nachkriegszeit sowie einiger Augenzeugenberichte rekonstruierten die Studierenden akribisch genau in Form von Zeichnungen die verschiedenen Baracken und ihre Ausstattung.
Über das Stadtgebiet verstreut
Weitere Zwangsunterkünfte wurden in Villen eingerichtet, etwa in der Stadtmitte (Königstraße, Försterstraße) oder am Rande des Aachener Walds (Eupener Straße). Im Aachener Stadtteil Schönforst befindet sich die alte Tuchfabrik Niessen – das burgähnliche Portal ist von der Trierer Straße aus gut zu erkennen. Auch dieser Bau wurde von den Nationalsozialisten zur Unterbringung von Menschen jüdischen Glaubens genutzt. In unmittelbarer Nähe zu den Bauten der FH in der Bayernallee befand sich eine weitere Zwangsunterkunft für Jüd:innen: das ehemalige israelistische Altersheim in der Straße Kalverbenden, für das heute ein unscheinbarer Gedenkstein am Straßenrand steht. Auch für diese Gebäude erarbeiteten die Studierenden die jeweilige bauliche Entwicklung sowie Zeichnungen und Modelle, die die Umnutzung als Zwangsunterkünfte rekonstruieren.
Ergebnisse sollen ausgestellt werden
“Die Beispiele zeigen, dass die Spuren der NS-Herrschaft in Aachen noch an vielen Stellen auffindbar sind und zugleich bislang oft gar nicht aufgearbeitet waren”, sagt Prof. Dr. Anke Fissabre, die den Kurs mit Unterstützung von Iris Gedig (Familienbuch Euregio) durchgeführt hat. “Die Studierenden haben anhand archivalischer Quellenforschung, etwa im Stadtarchiv Aachen und im Landesarchiv NRW, wertvolle Recherchearbeit als Grundlage für zukünftige Erinnerungsarbeit geleistet. Die Ergebnisse möchten wir gerne in Form einer Ausstellung öffentlich präsentieren.”
Herbert Lepper
FH Aachen | Arnd Gottschalk