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Sprache nimmt Gestalt an
FH Aachen | Pia Schieren
Sprache ist mehr als eine Aneinanderreihung von Lauten. Sie ist Kultur, Identität und Zugehörigkeit. Und dennoch bilden Laute eine unverzichtbare Grundlage, sobald Sprache gesprochen wird. Mit dem komplexen wie flüchtigen Prozess des Sprechens hat sich Jonas Pitzen für seine Abschlussarbeit am Fachbereich Gestaltung der FH Aachen intensiv beschäftigt. Er möchte die Vielfalt gesprochener Sprachen mit all ihren auditiven und grammatikalischen Besonderheiten sichtbar und für Laien vergleichbar machen, insbesondere weil eine Großzahl dieser Sprachen vom Aussterben bedroht ist.
Auslöser Auslandssemester
Angefangen hat seine Faszination für Sprachen während eines Auslandssemesters in Budapest. “Ich habe einen Ungarisch-Sprachkurs belegt und war sehr überrascht: Ungarisch funktioniert völlig anders als alle Sprachen, die ich bis dahin kannte”, erzählt der Kommunikationsdesigner. Angetrieben von Fragen wie “Was ist eine Sprache überhaupt und welche Funktionsweisen stecken dahinter?” recherchierte er mit wachsender Neugierde zum Thema.
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Etwas Flüchtiges greifbar machen
Anfangs habe er gedacht, es würde kaum mehr Sprachen als Länder geben, nur um dann festzustellen, dass es rund 7000 gesprochene Sprachen weltweit gibt. Datensätze, die gesprochene Sprachen dokumentieren, sind auf Online-Plattformen von Forschungsinstituten frei zugänglich. Ein Großteil der Sprachen ist jedoch entweder gar nicht oder nur unvollständig dokumentiert. Und genau hier lässt sich ein Problem erahnen: Der Großteil der gesprochenen Sprachen ist vom Aussterben bedroht – und diese Entwicklung schreitet schnell voran. Ändert sich nichts, wird bis zum Ende des Jahrhunderts bereits die Hälfte aller heute gesprochenen Sprachen ausgestorben sein. Mit seiner Arbeit möchte Jonas Pitzen eine Momentaufnahme schaffen von den Sprachen, die es heute noch gibt: “Es geht darum, die unfassbare Diversität dieses flüchtigen Kulturguts abzubilden – und zwar ohne Wertung. Diese Vielfalt soll in etwas Greifbares, Immersives und Erfahrbares verwandelt werden.”
Jonas Pitzen
Anschauliche Sprachstrukturen
Monatelang hat Jonas Pitzen sich durch unterschiedliche linguistische Datensätze des Max-Planck-Instituts für Anthropologie in Leipzig gearbeitet, um sie zunächst grundlegend lesen und nachvollziehen zu können. Danach hat er begonnen, nach alternativen Darstellungsmethoden für diese Daten zu suchen, um sie auch für Fachfremde schnell fassbar zu visualisieren. Entstanden ist ein grafisches System, welches in einer kreisförmigen Visualisierung zusammenkommt und auf drei Ebenen die Strukturen der Laute, Wörter und Grammatik einer Sprache sichtbar macht. Vergleichbar mit dem internationalen phonetischen Alphabet ergibt sich mit diesen sogenannten Signaturen eine Lesbarkeit über Sprachgrenzen hinweg; mit dem Unterschied, dass die Signaturen des Absolventen den Variantenreichtum des Lautinventars einer gesamten Sprache anhand einer einzigen Grafik für Laien sichtbar machen. “Natürlich braucht es eine Legende zum Verständnis der einzelnen Komponenten des Systems. Spezielles Vorwissen ist allerdings nicht nötig”, so der Absolvent. So könne jeder Mensch die verschiedenen Sprachstrukturen visuell vergleichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen. Diese Anschaulichkeit erhöht Jonas Pitzen zusätzlich durch eigens programmierte, interaktive Elemente innerhalb der Signaturen: Betrachter:innen können über einen Kopfhörer die Laute einer Sprache wahrnehmen und unmittelbar mit dem Gesehenen abgleichen. Hierbei können die Laute bedeutungsgleicher Wörter optisch miteinander verglichen werden, um auf mögliche Verwandtschaften zu schließen. Auch kann nachvollzogen werden, welche grammatikalischen Eigenschaften innerhalb einer Sprache besonders stark oder schwach vertreten sind; ob sie also beispielsweise mehr über Substantive als über Verben funktioniert.
Jonas Pitzen
Sehen, wie die Welt spricht
Um der breiten Öffentlichkeit die Vielfalt gesprochener Sprachen vor Augen zu führen, träumt der Gestalter von einer Ausstellung. Raumfüllend sollen die Signaturen auf hinterleuchteten Glas-Disks präsentiert werden. Die Besucher:innen einer solchen Ausstellung sollen verstehen, wie groß der Sprachenreichtum weltweit ist, wie unterschiedlich die Sprachen dabei sind und dass ein Großteil dieser Vielfalt bedroht ist. “Ich denke nicht, dass es möglich ist, den Sprachreichtum länger zu erhalten. Ich würde mich aber freuen, wenn meine Arbeit dazu beitragen kann, die Diversität gesprochener Sprachen ein bisschen besser zugänglich zu machen”, sagt Jonas Pitzen.
Jonas Pitzen