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Das blaue Wunder neu erleben

FH-Absolvent Nils Stigler bringt den Bürgerinnen und Bürgern das textile Erbe Aachens näher


Woher kommt eigentlich die Redewendung "ein blaues Wunder erleben", und wie steht sie im Zusammenhang mit Aachen? Was viele gar nicht wissen: Der Ausdruck lässt sich auf die Tuchindustrie zurückführen, die über Jahrzehnte das Wirtschaftsleben der Region geprägt hat. Student Nils Stigler vom Fachbereich Gestaltung der FH Aachen hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Bürgerinnen und Bürgern das textile Erbe auf kreative Weise näherzubringen und dem Verein Tuchwerk Aachen e.V., der von Ehrenamtlichen gegründet wurde, zu unterstützen. Denn die Erinnerung an die "Aachener Tuche" – dieses einst bekannte Markenzeichen – ist heute bei den Aachener Bürgerinnen und Bürger weitgehend verblasst.

In seiner Bachelorarbeit hat der FH-Absolvent für die Ehrenamtlichen ein öffentlichkeitswirksames Erscheinungsbild entwickelt. Darin beschäftigt er sich unter anderem mit dem Standort des Vereins, der sich in einer alten Textilfabrik Strüverweg 116 befindet und mittlerweile zu einer Plattform für verschiedenste kulturelle Aktivitäten gewachsen ist. In einem großen Maschinendepot erleben die Besucherinnen und Besucher die Schritte der Wollverarbeitung bis zum fertigen Tuch. Außerdem haben sich verschiedene Akteure aus den Bereichen Soziales, Kultur, Kunst und Handwerk in den Räumlichkeiten des Tuchwerks niedergelassen. Ein Bestandteil seiner Arbeit ist ein Nachschlagewerk "Von der Flocke zum Tuch", das dem Laien die Maschinen des Depots und die Verarbeitungsschritte detailliert erklären soll. "Durch die offene Fadenbindung, einer Schweizer Broschur, wird der Leser bereits vor dem Aufschlagen der ersten Seite haptisch für das Thema sensibilisiert", sagt er. Seine Finger streifen über das feine Garn, das sein Werk umfasst. "Die Arbeit, die dahintersteckt, kann man sprichwörtlich fühlen", schwärmt Nils Stigler, "die Entwicklung des Gestaltungsprinzips und der einzelnen grafischen Elemente haben besonders viel Zeit in Anspruch genommen."

Bei der Lektüre werden die Leserinnen und Leser in eine Zeit des frühen Industriezeitalters zurückversetzt: In der Fabrikhalle stehen restaurierte Maschinen wie der 18m lange Krempelsatz oder der mechanische Webstuhl, die damals notwendig waren, um aus Wolle ein Tuch entstehen zu lassen. Beim Blaufärben erlebte man früher, entgegen der umgangssprachlich negativ konnotierten Redewendung, ein gewolltes "blaues Wunder". "Erst durch Oxidation werden die Stoffe nach ein paar Minuten blau. Daher kommt auch der Ausdruck ein blaues Wunder erleben", erklärt Nils Stigler. Er fand die Redewendung so passend, dass er den Spruch "Das blaues Wunder neu erleben" als Slogan für eine mögliche Plakatkampagne textete und um ein Adjektiv erweiterte: "Etwas neu erleben ist wortwörtlich zu verstehen, denn viele der Maschinen im Depot funktionieren und werden bei Führungen in Betrieb genommen", meint er, "aber wer mit offenen Augen durch das Stadtgebiet Aachens geht, der findet noch viele Spuren der ehemals blühenden Textilwerke."

Gebäude aus dem 18. bis 20. Jahrhundert, die vom früheren Tuchgewerbe zeugen, gibt es heute noch. Seit dem Spätmittelalter sind Aachener Tuche überregional bekannt gewesen. "Im 19. Jahrhundert wurde die rasch entwickelnde Tuchindustrie Aachens zum Leitsektor der Industrialisierung und förderte die Entstehung anderer Branchen, wie den Maschinenbau oder die chemische Industrie", erzählt der Student, "nach dem zweiten Weltkrieg haben jedoch verschiedene Faktoren, wie zum Beispiel die Konkurrenz der zunehmenden Garn- und Tuchimporte aus dem Ausland, zur Schließung der Tuchwerke geführt."

Damit das textile Erbe nicht in Vergessenheit gerät, wurde im Jahr 2003 der ehrenamtliche Verein Tuchwerk Aachen e.V. gegründet, der sich die Sammlung, Aufbereitung und Präsentation textilhistorischer Exponate in der ehemaligen Tuchfabrik Becker im Strüverweg 116 zur Aufgabe gemacht hat. Außerdem bieten Zeitzeugen, die im Verein tätig sind, auf Anfrage regelmäßig Führungen im Depot an. Denn so eine vielseitige Stadt wie Aachen habe noch mehr zu bieten als den Dom oder die schöne Altstadt. Demnächst soll ein Webstuhl aus Monschau-Imgenbroich so aufgearbeitet werden, dass er wieder Gewebe produzieren wird, die als traditionelle Textilien verkauft werden. Vielleicht heißt es dann bald wieder "Tuche made in Aachen", hofft Nils Stigler.