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Ein Gebäude als Geschichtsbuch
FH Aachen | Prof. Dr. Anke Fissabre
Die Villa Buth hat eine bewegte Vergangenheit und eine unklare Zukunft. Masterstudierende des FH-Fachbereichs Architektur haben sich im Wintersemester eingehend mit dem Bau und seiner Geschichte beschäftigt; sie möchten sich auf diesem Weg auch für den Erhalt des Denkmals stark machen.
Die Geschichte der Villa
1893 wurde die prächtige Industriellenvilla erbaut. Sie steht am Ortsrand von Kirchberg, heute ein Stadtteil von Jülich. Carl Eichhorn hatte 1855 im Ort eine Wellpappenfabrik eröffnet, die bis heute – nunmehr in fünfter Generation – Verpackungen produziert. Direkt neben dem Fabrikgelände ließ er die Villa im Neorenaissancestil samt großem Park für seine Tochter Clara und ihren Mann Emil Buth errichten. Die Familie wohnte bis zum Jahr 1932 in dem Gebäude. Zwischen März 1941 und Sommer 1942 wurde die Villa für mehr als 100 Jüdinnen und Juden aus dem ehemaligen Regierungsbezirk Aachen zur Zwangsunterkunft, bevor sie nach Izbica, Sobibor und Theresienstadt deportiert wurden. Nach Kriegsende diente der Bau als Wohnunterkunft, vor allem für Arbeiter:innen der Wellpappenfabrik. 1990 wurde er unter Denkmalschutz gestellt, aktuell wird er nicht bewohnt und verfällt zusehends. Derzeit ist es nicht erlaubt, das Gebäude zu betreten.
Timo Ohrndorf, Iris Gedig
National Archives
Unterschiedliche Blickwinkel
Aufgabe der Studierenden war es, sich der Baugeschichte und den damit verbundenen Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven zu widmen – nicht nur aus architektonischer Sicht, sondern auch im Hinblick auf historische und gesellschaftliche Belange. Betreut wurden sie von Prof. Dr. Anke Fissabre, die am Fachbereich Architektur für das Lehrgebiet Baugeschichte verantwortlich ist. Sie erzählt: “Für die Studierenden war das eine anspruchsvolle Aufgabe, die sie hervorragend gemeistert haben. Obwohl sie die Villa nicht betreten konnten, haben sie durch findige Recherchen und genaue Beobachtungen spannende neue Erkenntnisse gewonnen.” Für Ekin Nakip und Lisa Sick fällt die Bilanz positiv aus: “Für uns war es sehr spannend zu sehen, wie historische Bauforschung eine Brücke zu Themen mit aktueller gesellschaftlicher Relevanz schlagen kann.”
Umfangreiche Recherchen
Wie aber nähert man sich einem Ort mit solch wechselhafter Geschichte, zumal wenn das eigentliche Gebäude nicht zugänglich ist? In einem ersten Schritt werteten die Studierenden vorhandene Quellen aus. Verlässliche Baupläne gibt es kaum, deshalb zogen sie Außenaufnahmen, aber auch aktuelle und historische Luftbilder heran. In der jüngeren Vergangenheit sind Anhänger:innen der Lost-Places-Szene – illegalerweise – in die Villa eingedrungen; auch ihre bei YouTube veröffentlichten Videos bezogen die Studierenden in ihre Recherche ein. Die angehenden Architekt:innen arbeiteten zudem eng mit Timo Ohrndorf und Iris Gedig zusammen, die 2019 das Buch „Villa Buth – Zwischenstation zum Holocaust“ in Kooperation mit dem Jülicher Geschichtsverein 1923 e.V. herausgegeben haben. Kern der Recherchearbeit waren aber die Begehungen vor Ort, bei denen die Studierenden sich vor allem mit dem Park und der Mauer, die das Areal umfasst, beschäftigten.
Die Ergebnisse des Projekts
Jakob Priesmann erstellte im Rahmen seiner Arbeit eine präzise Rekonstruktion der Villa, die Grundrisse, Achsen und Symmetrien umfasst. Aus historischer Sicht ist interessant, welche Rückschlüsse der veränderte Zuschnitt der Räume auf die Nutzung in den verschiedenen Phasen zulässt. Spannend sind auch die Baudetails: In den Fassaden sind zahlreiche Hinweise auf die Familie Eichhorn zu finden, etwa die Initialen C und E in den beiden der Straße zugewandten Dachgiebeln oder die Darstellung des Bienenstocks als Symbol für Fleiß und Produktivität der Unternehmerfamilie.
Familienfriedhof im Park
Neben dem eigentlichen Bau widmete die Gruppe sich auch dem Außengelände. Der Park hinter dem Gebäude ist heute komplett überwuchert. Ursprünglich vereinte er Elemente des englischen Landschaftsgartens und des Renaissancegartens, wobei der aktuelle Zustand ohne den Rückgriff auf historische Quellen keine eindeutige Zuordnung ermöglicht. Lavinia Lämmle, Merit Panczack und Caroline Stein dokumentierten, dass sich auf dem Gelände – und zwar im Zentrum der Blickachsen – ein Familienfriedhof befand. Die Eichhorns waren Protestanten, im katholisch geprägten Jülich wollten sie einen privaten, würdigen Ort des Gedenkens schaffen. Carl Eichhorn starb bereits ein Jahr nach Fertigstellung der Villa, seine Tochter Clara – für die der Bau vermutlich ursprünglich gedacht war – nur zwei Jahre später. Die Trauer um die beiden könnte die Familie bewogen haben, den kleinen Friedhof im Park einzurichten. Iris Gedig, die das studentische Seminar begleitet und unterstützt hat, vermutet, dass der Friedhof bereits 1880 zum Tod von Hermine Eichhorn, geb. Stindt, angelegt worden sein könnte und somit schon vor dem Bau der Villa existiert haben könnte. Auch die Grotte und der sogenannte Musiktempel, eine Terrassenanlage, auf der möglicherweise ein hölzerner Musikpavillon gestanden haben könnte, sind beeindruckende Zeugnisse vergangener Zeiten, ebenso Wasserbecken, Zierbeete und ein Gewächshaus.
Merit Panczack, Caroline Stein, Lavinia Lämmle
Merit Panczack, Caroline Stein, Lavinia Lämmle
Merit Panczack, Caroline Stein, Lavinia Lämmle
Merit Panczack, Caroline Stein, Lavinia Lämmle
Merit Panczack, Caroline Stein, Lavinia Lämmle
Geschichte lesbar machen
Aufschlussreich war auch die Beschäftigung mit der Mauer. Ekin Nakip und Lisa Sick stießen darauf, dass es drei unterschiedliche Bauphasen gab. Sie berichten: “Die Ummauerung der Villa Buth und des Parkgeländes trägt mit ihren unterschiedlichen Abschnitten Spuren verschiedener Zeiten in sich. Wir haben versucht, uns ihren historischen Schichten zu nähern und ihre Geschichte lesbar zu machen.” In der Mauer befinden sich Einschusslöcher, die bei Kämpfen im Herbst 1944 entstanden sein müssen, als sich deutsche Truppen in der Villa verschanzt hatten. Das legt den Schluss nahe, dass dieser Teil der Mauer bereits zu der Zeit existierte, als die Menschen jüdischen Glaubens dort interniert waren. Ekin und Lisa betonen: “Die Mauer spielte während der NS-Zeit eine zentrale Rolle bei der räumlichen Abgrenzung des Geländes. Die Kontrolle der Zwangsuntergebrachten erfolgte dabei durch ein organisatorisches System aus polizeilicher Beobachtung, Passierscheinregelungen, visueller Abgrenzung und weiteren Einschränkungen des Alltags.”
Die Zukunft der Villa ist unklar
Derzeit ist ungewiss, wie es mit der Villa weitergeht. Es gibt ein großes öffentliches Interesse, diesen Ort zu erhalten, der aus baugeschichtlicher wie aus erinnerungskultureller Sicht sehr bedeutsam ist. Zur detaillierten Erläuterung und Sichtbarmachung dieser Bedeutung sowie zur Diskussion um Perspektiven für das Areal leisten die Arbeiten der Studierenden einen wichtigen Beitrag.
Diese Studierenden waren am Projekt beteiligt:
- Gréta Patkó, Vanessa Costa: Baubeschreibung der Villa
- Jakob Priesmann: Rekonstruktion der Villa
- Carla Seibold, Katharina Lehmann: Nutzungsgeschichte der Villa
- Ekin Nakip, Lisa Sick: Mauerdokumentation
- Merit Panczack, Caroline Stein, Lavinia Lämmle: Beschreibung, Entwicklung, Einordnung des Parks sowie Nutzungsideen
Im Wintersemester 2025/26 haben die Masterstudierenden des Fachbereichs Architektur sich auch mit den Themen NS-Erziehungsbauten sowie Zwangsunterbringung von jüdischen Bürger:innen in Aachen auseinandergesetzt. Einen Bericht über diese Themen lesen Sie bald hier im Newsroom.
FH Aachen | Prof. Dr. Anke Fissabre