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Damit aus der Raupe ein Schmetterling wird

Bei einer neuntägigen Sommerakademie entwickeln Studierende des Fachbereichs Architektur Konzepte für den Erhalt des Sport- und Erholungszentrums (SEZ) in Berlin.

“Diese neun Tage waren wahnsinnig intensiv”, betonen Jacqueline Zahren, Ana Bohsen und Emily Reichelt. Die drei Architekturstudentinnen haben gemeinsam mit 12 Kommiliton:innen in der vorlesungsfreien Zeit an einer Sommerakademie teilgenommen, die von der FH Aachen und der FH Erfurt in Berlin veranstaltet wurde. Innerhalb kurzer Zeit entwickelten sie Konzepte für die Umgestaltung eines Gebäudekomplexes in der Hauptstadt. 

Intensive Detailarbeit

Die Erfahrungen, die die Studierenden dabei gesammelt haben, sind für sie von großem Wert. “Ein echtes Highlight” sei die Sommerakademie gewesen, berichten sie. In den neun Tagen hätten sie sich ausschließlich mit einem Thema beschäftigt und seien tiefer ins Detail vorgedrungen als bei anderen Studienformaten. Mehrmals am Tag gab es Besprechungen und Präsentationen, zum Abschluss mussten sie eine Ausstellung mit ihren Konzepten anfertigen. 

Vorbereitung für die Berufspraxis

“Das ist eine Arbeitssituation, die in der Berufspraxis von Architekt:innen häufig vorkommt”, sagt Prof. Heike Matcha vom Fachbereich Architektur der FH Aachen, die den Workshop gemeinsam mit ihrem Erfurter Kollegen Prof. Günter Barczik vorbereitet und organisiert hat. Heike Matcha betont: “Für die Studierende war das eine echte Herausforderung, sie haben intensiv gearbeitet und unglaublich viel gelernt.”

Vorzeigebau der DDR

Der Workshop stand unter dem Motto “Wäre das SEZ eine Raupe – welcher Schmetterling würde aus ihr?”. Das Sport- und Erholungszentrum (SEZ) war einer der Vorzeigebauten der DDR. Das multifunktionale Freizeitzentrum befindet sich im Ostberliner Stadtteil Friedrichshain, in unmittelbarer Nähe zum Volkspark. Erbaut wurde es zwischen 1978 und 1981. Stilistisch erinnert es an Gebäude wie das Centre Pompidou in Paris, das Aachener Uniklinikum oder – um in Berlin zu bleiben – an den Flughafen Tegel und den Steglitzer Bierpinsel. Bis zur Wende war das SEZ bei der Ost-Berliner Bevölkerung sehr beliebt, bot es doch neben Schwimm- und Wellenbad auch eine Sauna sowie Einrichtungen für Bowling, Eislaufen, Gymnastik, Tanz, Badminton, Tennis und Billard. Der Berliner Senat sah sich nach der Wiedervereinigung nicht in der Lage, das Zentrum weiter zu betreiben; 2002 wurde es geschlossen. Ein erster Versuch einer immobilienwirtschaftlichen Verwertung scheiterte. 

Wohnen ist ein brisantes Thema

Aktuell gibt es den Beschluss, das gesamte Ensemble abzureißen und auf dem Grundstück Gebäude mit 680 Wohnungen zu errichten. Das Thema Wohnen hat die politische Diskussion in Berlin vor allem im Vorfeld des Senatswahl im September bestimmt. “Die öffentlichen Debatten hatten wir bei der Akademie immer im Hinterkopf”, sagt Ana Bohsen; Emily Reichelt ergänzt: “Wir wollten zeigen, dass es auch eine Alternative zum Abriss gibt.” Mit den Ergebnissen gingen die Studierenden in Öffentlichkeit: Während der Akademie selbst waren Externe zu Gast, um die Ideen mit ihnen zu diskutieren. Nach Abschluss der neuntägigen Akademie wurden die Ergebnisse bei einer Ausstellung präsentiert, zudem gab es eine Podiumsdiskussion.

Visionäre Konzepte

Dabei ging es nicht darum, konkrete bauliche Pläne anzufertigen. “Die Studierenden sollen und dürfen Visionen entwickeln”, betont Heike Matcha. Entsprechend vielfältig waren die Konzepte. Jacqueline Zahren hat gemeinsam mit Pia Willems die Vision eines “Schmetterlings im Park” entwickelt, bei dem die SEZ-Bauten mit dem angrenzenden Volkspark zusammenwachsen. Unter dem Titel “Trails + Noise” hat Ana Bohsen gemeinsam mit Carlotta Nobbe eine Idee erarbeitet, die sich am Ursprungsgedanken orientiert: “Wir stellen uns eine Umnutzung der bestehenden Gebäude vor, angepasst an die Wünsche junger Menschen”. So könnte im neuen SEZ Raum für Trendsportarten entstehen. Gemeinsam mit Suha Al Ghzawi sieht Emily Reichelt eine Öffnung des Baus vor: “Wir wollen die Grenze des SEZ zur Stadt auflösen und die Menschen ins Gebäude ziehen.”

Raum für Austausch

Freie Gedanken brauchen Raum: Ein wichtiger Bestandteil des Akademiekonzepts war der Veranstaltungsort. Das sogenannte Metropolenhaus im Bezirk Kreuzberg war für neun Tage Heimat der Studierenden; es bot den Raum für intensive Arbeit und Austausch. Das Metropolenhaus ist Teil einer Kulturplattform, die ins Leben gerufen wurde, um in Kooperation mit der Nachbarschaft, lokalen Akteur:innen und internationalen Kulturschaffenden den Dialog zwischen Kunst, Design und Alltag zu führen, immer unter dem Motto “Für und mit dem Kiez”. 

Nachhaltigkeit im Bauwesen

Die Erfahrungen, die die Studierenden in Berlin gemacht haben, lassen sich auch auf andere Themen übertragen. “In der Architektur gewinnt der Erhalt bestehender Gebäude schon seit Längerem unter dem Schlagwort ‚Bauwende' eine immer größere Bedeutung”, betont Heike Matcha. Unter Bauwende versteht man die Abkehr von der Bebauung immer neuer Flächen. Stattdessen soll der Wert des Bestehenden in den Mittelpunkt gestellt und der Umgang mit Ressourcen, Energie und Flächen grundsätzlich hinterfragt werden. Der Bausektor verursacht aktuell rund 40 Prozent der Treibhausgasemissionen und mehr als die Hälfte des Abfalls. Ziel ist es, Projekte zu entwickeln, die langlebig, reparierbar und ressourcenschonend sind; Materialien und Gebäude werden so geplant, dass sie möglichst lange genutzt, gepflegt und wiederverwendet werden können.