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Fliegen ist ein Teamsport

Zwei Tage lang konnten Studierende des Fachbereichs Aerospace und Automotive Engineering die Grundlagen des Segelfliegens selbst erleben. Für manch einen klärten sich dabei wichtige Zukunftsfragen.

Von Null auf Hundert in rund 3,5 Sekunden. Die Seilwinde zieht das Segelflugzeug über die holprige Grasbahn des Forschungsflugplatzes Merzbrück. Schon nach wenigen Metern hebt das Flugzeug ab und steigt, noch immer vom Seil gezogen, mit rasendem Tempo in die Luft. Die Beschleunigung drückt Pilot und Lehrling in ihre Sitze. Der Startwinkel ist so steil, dass aus dem bebenden Cockpit nur der Himmel zu sehen ist. 350 Meter Höhe sind erreicht; das Zugseil wird mit einem dumpfen Knall ausgeklinkt und an Bord ist plötzlich… Stille.

Erst Vorlesungssaal, dann Flugplatz

Wer am Fachbereich Aerospace und Automotive Engineering der FH Aachen studiert, hat die Möglichkeit den Kurs “Segelfliegen in Theorie und Praxis” zu belegen. In neun Vorlesungen lernen die Studierenden alle theoretischen Grundlagen des Segelfliegens. Danach tauschen sie Vorlesungssaal gegen Flugplatz und wenden an, was sie gelernt haben. Mitglieder des FAG Aachen e. V., dem Segelflugverein der Hochschule, und zwei Fluglehrer leiten sie dabei an. “Ich möchte Berufspilot werden und um ehrlich zu sein – ich bin noch nie selbst geflogen”, erzählt Student Kai Wilke. In den zwei Praxistagen des Kurses möchte er herausfinden, ob er seinen Traum weiterverfolgen sollte. “Ich bin etwas aufgeregt, aber hauptsächlich freue ich mich, endlich einmal selbst steuern zu dürfen.”

Theorie und Praxis

Bevor es in die Luft gehen kann, müssen die Flugzeuge jedoch erst aufgebaut werden. Gemeinsam hebt eine Gruppe den Rumpf des Flugzeugs aus einem schmalen Anhänger. Weitere Kursteilnehmende halten die Tragflächen an den Rumpf, wo sie mit starken Metallbolzen fixiert werden. Jessica Preuss-Becker erklärt dem Team jeden Aufbau- und Kontrollschritt. Sie hat kürzlich ihren Master in Luft- und Raumfahrttechnik an der FH absolviert und gibt nun ihr Wissen an die Studierenden weiter: “Der Großteil der Luft- und Raumfahrtstudierenden ist noch nie selbst geflogen. Wer aber später Flugzeuge baut, sollte auch wissen, wie man ein Flugzeug fliegt.” Das Praktikum sei deshalb eine wunderbare Gelegenheit, theoretisches Wissen in der Praxis zu erleben. “Und wenn wir nebenbei noch Menschen für dieses schöne Hobby begeistern können – umso besser.”

Der Traum vom Fliegen

Nachdem das Segelflugzeug aufgebaut worden ist, wird es von einem Auto zum Startpunkt geschleppt. Einen Funkspruch später startet die Seilwinde und, gerade noch am Boden, ist das Flugzeug innerhalb von Sekunden nur noch als schwache Silhouette am Himmel zu erkennen. Kein Motor, kein Geräusch. Auch an Bord ist es ruhig. Aus dem Flugzeug heraus ergibt sich ein Blick auf den Flugplatz und die angrenzenden Felder. Während der Praktikumstage ist es die meiste Zeit stark bewölkt und folglich kaum Thermik vorhanden. Direkt nach dem Start geht es deshalb wieder langsam in den Sinkflug. Zeit für ein paar Kurven und das Einfühlen in die Steuerung ist jedoch vorhanden. Nach rund vier Minuten landet das Segelflugzeug wieder. Kai hat dieser kurze Flug gereicht: “Ich bleibe dabei; ich möchte Berufspilot werden. Das ist genau das Richtige!”

Verantwortung für das Team

Die zwei Praxistage werden maßgeblich vom Segelflugverein der FH Aachen (FAG) durchgeführt. Die FAG bietet ihren Mitgliedern auch über den Grundlagenkurs hinaus die Möglichkeit, in ihrer Werkstatt an den Flugzeugen zu arbeiten und natürlich regelmäßig zu fliegen. “Man lernt hier nicht nur das Fliegen, sondern auch mit Menschen umzugehen”, so Lucio Lucania, erster Vorsitzender der FAG und selbst Student am Fachbereich. Man fliege zwar grundsätzlich allein oder maximal zu zweit, aber alles, was vor und nach dem Flug passiere, sei nur als Team zu bewältigen. “Jede:r muss in gewissem Maße Verantwortung übernehmen und lernt dadurch automatisch, wie Planung und Kommunikation funktionieren.” Diese Fähigkeiten sowie die Begeisterung für das Segelfliegen können Mitglieder der FAG dann im kommenden Jahr wieder weitergegeben, wenn der nächste Jahrgang das Praktikum absolviert.