Shawn Bu

Von YouTube bis in die Netflix-Top-10 – und noch viel weiter

Shawn Bu, Absolvent des Fachbereichs Gestaltung, ist heute Regisseur und Drehbuchautor. Mit „Darth Maul: Apprentice“ wurde er 2016 weltweit bekannt, mit „Life’s a Glitch“ veröffentlichte er 2021 seine erste eigene Netflix-Serie. Gedreht wurde unter anderem an seiner früheren Hochschule – der FH Aachen. Das zeigt, wie eng der Kontakt bis heute geblieben ist. Außerdem ist er Teil der 50 Geschichten, die für einen Monat als Ausstellung im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums der Hochschule auf dem Aachener Katschhof zu sehen waren.

Gemeinsam mit seinem Bruder Julien Bam produzierte Shawn in den letzten Jahren mehrere Serien der deutschsprachigen Online‑Landschaft – von der Comedy‑Trilogie „Der letzte Song aus der Bohne“ (2022) bis zum Sci-Fi Projekt „Der Mann im Mond“ (2023–2025), das von Amazon Prime mitfinanziert wurde und einen spielfilmlangen Abschluss fand.

Angefangen hat die filmische Zusammenarbeit mit seinem Bruder 2017 mit dem Film „Realität vs Superkraft“ auch in den Räumen der FH. Dieser hat mittlerweile 24 Millionen Views. Mit seiner Produktionsfirma Raw Mind Pictures arbeitet Shawn Bu aktuell an Horrorstoffen für potentielle Filme und Serien und an einem eigenem neuen Fantasy Universum.

Herr Bu, Ihr Weg von der FH Aachen bis hin zu internationalen Streamingplattformen ist beeindruckend. Wann haben Sie gemerkt, dass Film und Regie genau Ihr Weg sind?

Wir können uns auch Duzen! Ich habe schon in der Schulzeit angefangen Filme zu machen. 2015 habe ich meinen Bachelor im Fachbereich Gestaltung abgeschlossen. Das war eine sehr kreative und inspirierende Zeit. Die FH ist ja keine klassische Filmschule. Aber mit unseren Projekten hat sich dieser Bereich hier sehr stark weiterentwickelt. Und viele Leute von außerhalb waren überrascht zu sehen, was an der Hochschule möglich ist. Filmschulen, die ich mir vorher angeschaut habe, wollten, dass ich mich sofort festlege auf bestimmte Bereiche, oder ich habe mich dort einfach nicht so wohlgefühlt. An der FH hatte ich dagegen den Eindruck, dass man sich viel mehr ausprobieren kann. Und jetzt bereue ich meine Entscheidung von damals überhaupt nicht!

Unser Star Wars-Fanfilm „Darth Maul: Apprentice“, den ich damals für meine Abschlussarbeit produziert habe, wurde international sehr positiv aufgenommen – sogar Stan Lee hat die Arbeit gelobt. Der Film hat heute über 34 Millionen Views auf YouTube. Aber das Coole ist: Ich habe immer daran geglaubt, dass das möglich ist, wenn man Talent hat und schlau vorgeht und vor allem seine Motivation nicht verliert. Denn solche aufwändigen Projekte brauchen immer viel Durchhaltevermögen und man muss kreativ werden, um viele Probleme zu lösen, die immer dazu gehören. Vor allem wenn man kein Budget hat! Man sieht Vorbilder – große Regisseure – und die haben oft auch ganz klein angefangen.

Deine erste Netflix-Serie „Life’s a Glitch“ war für viele ein Überraschungserfolg. Wie hast du diese Zeit erlebt?

Wir haben zwei Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Dass die Serie dann eine Woche sogar unter den Top 10 auf Netflix in Deutschland war, hat uns natürlich riesig gefreut. Das war ein großer Schritt und auf jeden Fall auch ein Überraschungserfolg als Filmemacher. Das Feedback von unseren Fans war extrem positiv. Wir haben mit „Life’s a Glitch“ generell vor allem ein junges Publikum zwischen fünfzehn und dreißig erreicht, die auf „geekige“ und „nerdige“ Themen sowie Comedy stehen. Für mich war das ein bisschen wie ins kalte Wasser springen – ich habe so viel gelernt, dass es sich angefühlt hat, als hätte ich die Filmschule nachgeholt. Das Learning konnten wir direkt auf unsere späteren Projekte übertragen.

Und mittendrin: die FH Aachen als Drehort. Hörsäle, Flure, Büros, sogar die Bibliothek kamen zum Einsatz. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe meine Zeit an der FH Aachen absolut genossen und konnte mich als Regisseur sehr vielseitig ausprobieren und austoben – zusammen mit vielen anderen talentierten und ambitionierten Filmemacherinnen und Filmemachern. Dass wir dann für die Serie zurückkehren und dort drehen konnten, war für mich natürlich etwas ganz Besonderes.

Wie war die Zusammenarbeit mit deinem Bruder Julien Bam, mit dem du ursprünglich gemeinsam studiert hast?

Ich hatte mit meinem Bruder vorher nur sehr sporadisch zusammengearbeitet, wie z.B. an „Realität vs Superkräfte“ oder auch der Parodie auf die Netflix Serie „How to sell Drugs online fast“ mit dem Video „How to sell music fast“ auf YouTube. Aber erst ab der Netflix Serie arbeiten wir als Brüder so intensiv zusammen. Als Brüder verstehen wir immer schnell, was der andere meint oder sagen will, mit wenigen Worten. Das ist bei dem großen Zeitdruck beim Dreh ein großer Vorteil.

Nach Netflix ging es aber direkt weiter – und noch viel größer, oder?

Ja, nach Netflix und einem aufwändigen Halo-Kurzfilm für Microsoft haben Julien und ich 2022 die Comedy-Serie „Der letzte Song aus der Bohne“ auf YouTube gedreht, als eine zweite Netflix-Staffel nicht gebucht wurde. Wir wollten damit auf der einen Seite Juliens Kanal den lange versprochenen Abschluss aus 3 Filmen geben, aber uns auch als Brüder wieder zusammentun und unsere Serien-Ambitionen weiter zu führen. Ich habe hier die Regie gemacht und mein Bruder war Co-Regie, da er auch gleichzeitig die Hauptrolle spielte. Gemeinsam waren wir auch die Drehbuchautoren, zusammen mit Joshua Euskichen, den wir bei Netflix kennen gelernt haben und Joon Kim, der die 2. Hauptrolle spielt.

Wir haben uns mit unserer Serie mehr an Hollywood-Vorbildern orientiert, um ein Abenteuer-Sommer-Feeling zu erschaffen und mit leichten Fantasy und Science-Fiction-Elementen besonders zu machen. Dieses sogenannte „Genre-Kino“, das Science-Fiction, Fantasy, Horror oder Action beinhaltet, gibt es in Deutschland leider kaum bis gar nicht und wird einfach nie finanziert. Daher haben wir unser eigenes Ding gemacht!

War das auch der Startschuss für „Der Mann im Mond“?

„Der letzte Song aus der Bohne“ wie auch 2 Spin-Offs waren 2022 ein riesen Erfolg auf YouTube und wir haben 2023 dann die Geschichte fortgesetzt in einer größeren Serie mit neuem Namen und auf ein neues Level gebracht: „Der Mann im Mond“, eine Comedy Serie, die noch mehr in Richtung Science-Fiction und Fantasy geht, die wir von 2023-2025 produziert haben. Diesmal haben wir ein ganzes Raumschiff, das aus der Zukunft bei uns in der Gegenwart abgestürzt ist und das Leben unserer Helden durcheinanderbringt. Denn die Raumschiff Crew hat ein mysteriöses Paket für sie dabei…wir haben mit „Der Mann im Mond“ eine eigene große Serie über mehrere Staffeln auf die Beine gestellt, in der wir auch komplette kreative Freiheit genossen haben. Aus dem ursprünglichen Plan 3 coole Videos zu machen wurden 16 Filme, inklusive 4 Spin-Offs über Santa, den Osterhasen, die Zahnfee und den Sandmann.

Was war für dich das Besondere an „Der Mann im Mond“?

Wir haben für „Der Mann im Mond“ ein eigenes Raumschiff-Set bauen lassen! Das war hier um die Ecke im Krantzcenter. Mit einer riesigen Brücke, Korridoren und verschiedenen Räumen, die alle miteinander verbunden waren. Man konnte komplett durch das geschlossene Raumschiff laufen! Wir hatten 6 riesige Bildschirme auf denen verschiedene Animationen liefen, interaktiven Amaturen überall, Türen, die man öffnen und schließen konnte. Es war ein Traum! Das war eine der tollsten Erinnerungen und auch Achievements der Dreharbeiten.

Generell haben wir bei unseren Dreharbeiten enorm viel Wert auf einfach geile, besondere Kulissen gelegt, um unsere Geschichte zu erzählen und um unsere Figuren in spannende, atmosphärische Szenarien zu bringen. Nach großen Vorbildern, wie Steven Spielberg, Peter Jackson oder George Lucas. Und auch modernen Inspirationen aus Games und Animes.

Hier habt ihr auch wieder in Aachen gedreht, richtig?

Wir haben tatsächlich den Großteil in und um Aachen gedreht! Ich bin sicher, dass man manche Orte durchaus wieder erkennt, wenn man hier wohnt. Dabei waren wir auch viel in der Natur und haben sehr viel Outdoor gedreht, was sehr selten ist bei Film und Serien Produktionen. Wegen der Unkontrollierbarkeit des Wetters und der Größe solcher Locations und dem logistischen Mehraufwand. Meistens wird nur in Studios und in Gebäuden gedreht. Aber deshalb sehen deutsche Produktionen meist auch so langweilig und gleich aus! Für unser Abenteuer-Feeling und dem Gefühl einer großen Reise wollten wir die Challenge des sogenannten „On Location Shootings“ annehmen. Dadurch wirkt unserer Serie auch so groß und hochwertig. Und so Hollywood-mäßig.

Als wir das erste „Mann im Mond“-Video im August 2023 veröffentlicht hatten, war es ein riesen Erfolg. Die online Resonanz war so groß, dass Amazon Deutschland auf uns aufmerksam wurde. Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich eine tolle Partnerschaft, durch die Amazon die Filme 2024–2025 mitfinanzierte und unsere Videos auf Prime gezeigt werden.

Welche Herausforderungen hattet ihr beim Dreh und der Produktion?

Die letzten 3,5 Jahre waren auf jeden Fall die größte Challenge meines Filmschaffens. Denn wir haben noch nie so lange an einer durchgehenden Geschichte gearbeitet. Jedes Jahr haben wir über zwei Stunden an Material produziert und veröffentlicht. So ein Projekt gleicht einem Marathonlauf, bei dem das Durchhaltevermögen am Ende eine der wichtigsten Skills ist. Jedes Jahr wurden die Ambitionen der Geschichte und der Umsetzung größer, so wie auch das Team und die Anzahl an Effekt-Shots. Dazu kommt noch, dass Julien, Joon Kim und Julia (Beautx) Willecke alle mehrere Rollen gespielt haben. Teilweise auch in derselben Szene. Solche Szenen brauchten immer ganz besonders viel Vorbereitung. Aber durch das großartige Schauspiel spielten dieselben Schauspieler dennoch völlig andere Figuren, die man auch sofort vom Spiel unterscheiden konnte. Dazu kamen dann natürlich auch die Kostümwechsel.

Doch bei all den aufwändigen Drehtagen und Herausforderungen in der Post-Produktion war der größte Endgegner das Drehbuch! Die Geschichte wurde immer epischer und komplexer. Es wurden immer mehr Figuren. Und da wir sehr viel Wert auf eine logische Auflösung und einen emotional nachvollziehbaren Weg der Figuren gelegt haben, haben wir uns am Ende monatelang den Kopf zerbrochen für bestimmte Szenen, Momente und Auflösungen. Da die Serie als reine Comedy Serie startet, mag man gar nicht glauben, was die Geschichte für Überraschungen und Twists bereithält. Viele davon waren bereits vor Jahren geplant und geschrieben. Es ist dann auch sehr schön zu sehen, wenn dann endlich Zuschauer und Fans solche, seit langen Jahren festgelegte Twists zum ersten Mal sehen und wie sie darauf reagieren und wirklich überrascht sind. Und wie gesagt, alles ist sinnvoll und lange aufgebaut und nicht einfach nur als „Schockeffekt“ gedacht. Wenn ich dir unsere Miro Mindmap zeigen würde, würdest du wahrscheinlich auch erstmal baff sein, wie komplex diese Geschichte aufgebaut ist. Kleiner Tipp für alle, die Filmemachen oder Schreiben: Nehmt euch in Acht vor Zeitreisen! Das macht alles 100-fach komplizierter!

Hast du eigentlich manchmal richtig Feierabend?

Während eines Projekts habe ich davon nicht so viel, da sowas immer sehr viel Zeit und Arbeit erfordert. Mindestens arbeitet man gedanklich an seinem „Baby“ weiter, auch wenn vielleicht schon alle nach Hause gegangen sind. Aber es ist genau das, was ich machen möchte: Filme und Serien drehen. Solche Produktionen sind schon auch immer ein Kampf. Aber im positiven Sinne. Es gibt dir auch Energie und ist Teil der Leidenschaft. Das Feuer, was alles motiviert.

Hattest du auch mal Rückschläge? Wenn ja, wie gehst du damit um?

Ich habe nach „Darth Maul: Apprentice“ zwar einige coole Musik- oder Werbe-Projekte realisiert, aber mein eigentliches Ziel, Filme oder Serien zu drehen, einige Jahre nicht. Damals hab ich mich immer wieder gefragt: Was hat mir dieser erste große Erfolg gebracht? Kann ich ihn überhaupt wiederholen oder sogar übertreffen? Habe ich mir damit vielleicht selbst ein Karrierehindernis in den Weg gestellt? Aber dann kam irgendwann eine Netflix Serie und danach eine noch viel größere Serie, die sogar noch viel mehr aus unseren Herzen entsprang und von den Zuschauern gefeiert wurde. Und sogar auf Amazon Prime läuft. Das hat mir gezeigt: alle Erfolge und Rückschläge in der Vergangenheit gehören dazu. Sie haben dazu beigetragen, dass ich beruflich weiterkomme.

Und welches Projekt steht als nächstes bei dir an?

Im März 2025 haben wir unsere letzte „Mann im Mond“-Episode veröffentlicht, in Spielfilmlänge. Wenn man sich die Reaction-Videos dazu anschaut, haben echt viele geweint…damit haben wir also den emotionalen Anschluss und Abschied gefunden, den wir erreichen wollten. Da wir jetzt inklusive der Netflix Serie 5,5 Jahre gefühlt fast ohne Pause an Serien und Projekten gearbeitet haben, habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich mal länger frei gehabt. Und ich habe die Zeit sehr genossen! Ich habe viel Privatleben nachgeholt, war aber auch viel unterwegs auf Messen und Events wie z.B. der Gamescom, was dann immer eine Mischung mit privatem Interesse ist, aber auch Networking. Außerdem habe ich dieses Jahr einige Vorträge gehalten und war oft Podcast-Gast. Es war wichtig, wieder unter Menschen zu kommen und zu reisen, um neue Inspiration zu sammeln. Ich hole momentan natürlich auch viele Filme und Serien nach, die ich verpasst habe!

Aber es juckt mich schon wieder in den Fingern. Wir arbeiten gerade an verschiedenen Stoffen. Ich kann noch nicht drüber reden. Aber es geht nun natürlich erstmal wieder bei Null los. Neue Geschichten und Figuren. Dennoch, eine Sache bleibt dabei konsistent: Ich will Genre-Kino machen. Daher gehen die Ideen auch gerade wieder stark in Richtung Science-Fiction, Fantasy und Horror…

 Datum: September 2025