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Von der App zum Handbuch: Typografie lebendig vermittelt
Typografie ist ein zentrales Element visueller Kommunikation. Doch wie kann man sich im Dschungel zahlloser Schriften zurechtfinden? Prof. Eva Kubinyi, Professorin für Typografie am Fachbereich Gestaltung der FH Aachen, hat mit "The quick classification guide for typography. Ein Handbuch für Designer:innen" einen umfassenden Leitfaden geschaffen, der grundlegende wie fortgeschrittene Kenntnisse über Schriften praxisnah vermittelt. Das Buch basiert auf einem Forschungsprojekt, dessen erster Meilenstein die Typo-App (www.typ-o.eu) war. Die App, analoge Spiele und schließlich das Buch verfolgen gemeinsam das Ziel, die Vielfalt an Schriften verständlich zu strukturieren und die Fähigkeit zur differenzierten Wahl und Anwendung von Schrift zu fördern. Wir haben mit Eva darüber gesprochen, wie das Projekt entstand, welche Herausforderungen mit der Transformation digitaler Inhalte ins Buchformat verbunden waren – und warum fundiertes Wissen über Typografie heute wichtiger ist denn je.
FH Aachen | Eva Kubinyi
FH Aachen | Eva Kubinyi
"Typografie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der visuellen Kommunikation" – Warum ist es wichtig, sich fundiert mit Schrift auseinanderzusetzen, auch im Hinblick auf digitale Anwendungen? Und was trägt Dein aktuell erschienenes Buch “The quick classification guide for typography” dazu bei?
Schrift bzw. Typografie ohne jegliche Kenntnisse zu verwenden, ist wie Fahren ohne Führerschein! Naja, vielleicht etwas weniger gefährlich. Die Druckrevolution demokratisierte den Zugang zu Texten mithilfe der Typografie. Die digitale Revolution beschleunigt diesen Prozess und führt zu einer exponentiellen Zunahme an Schriftarten. Das Thema Schriftwahl ist längst nicht mehr auf eine kleine Gruppe von Typograf*innen und Designer*innen beschränkt, sondern hat sich auf die global vernetzte Gesellschaft ausgeweitet. Das gilt sowohl für analoge als auch für digitale Anwendungen.
Um Schriften auffinden und zielführend selbst anwenden zu können, ist jedoch entsprechendes Fachwissen gefragt. Das Handbuch “The quick classification guide for typography” soll dabei helfen, einen Überblick zu gewinnen. Formale Eigenschaften, Klassifikationsprinzipien und Fachtermini werden erklärt. Denn wer sich in der Vielfalt der Schriften zurechtfinden möchte, braucht eine Orientierungshilfe.
Dein Projekt begann mit der App typ/o und analogen Spielen. Kannst Du etwas zu diesen Anwendungen und zu ihrem Entwicklungsprozess sagen?
Im Rahmen eines Forschungsprojektes entstand 2019, also kurz vor der Corona Epidemie, die App typ/o (www.typ-o.eu). Anlass war eine Typo-Safari, bei der Studierende Schriften im Stadtraum fotografieren und mithilfe automatischer Erkennungssoftware bestimmen sollten. Das klappte jedoch gar nicht, die meisten Ergebnisse waren falsch. Mit der neu entwickelten App sollte daher ein interaktives Bestimmungstool an die Hand gegeben werden, bei dem man sich nicht nur auf Algorithmen stützt, sondern auf einen klar strukturierten Lernprozess. Inspirationsquelle waren klassische Pilzbestimmungsbücher mit stufenweiser Bestimmung. Ergänzend zu dieser "Schule des Sehens" wurden dann analoge Spiele entworfen und im Grundlagenkurs Typografie getestet.
Welche Herausforderungen gab es beim Transfer vom interaktiven zum gedruckten Format, und wie ergänzen sich App, Spiele und Buch?
Die Inhalte der App sind recht umfassend: neben Texten und Abbildungen zur Klassifizierung der Schriften enthält die App ein Glossar mit allen Fachbegriffen, eine Sammlung von mehr als 100 relevanten, prototypischen Schriften und einen Spielemodus. Die App zeichnet sich durch den interaktiven Zugang zu den Inhalten aus, sie ist jedoch nur bedingt für immersives Lesen geeignet. Daher kam die Idee auf, eine gedruckte Publikation zu konzipieren. Nach Erstellen des ersten Dummys war ich selbst über den Umfang erstaunt: das Buch umfasst immerhin 400 Textseiten pro Sprache (das Projekt gibt es bislang in 3 Sprachen).
Eine Herausforderung beim Transfer ins gedruckte Medium waren unter anderem die interaktiven Elemente der App, die sich nur bedingt ins Buch übertragen ließen. Hier wurde das Prinzip der Abenteuerbücher verwendet, die Entscheidungen mit Querverweisen versehen. Ergänzende Texte erläutern den Bestimmungsmodus im Buch. Eine weitere Herausforderung war die Notwendigkeit, die Fachbegriffe der Klassifizierung dauerhaft festzulegen, obwohl die neue DIN-Norm hierzu noch in Arbeit ist.
Die Spiele ergänzen App und Buch durch ihren Fokus auf einzelne Aspekte. Das typ/o Memory-Spiel schult den Blick für typografische Details; das typ/o UNO-Spiel hilft beim Unterscheiden der Schriftgruppen; das typ/o Pictionary-Spiel unterstützt das spielerische Erlernen der Fachbegriffe. Weiterhin wurde der Spielemodus der App in eine analoge Übung zum Erkennen der Formprinzipien überführt. Hier wird die App unterstützend eingesetzt, um die Ergebnisse zu überprüfen.
FH Aachen | Eva Kubinyi
FH Aachen | Eva Kubinyi
Dein Buch klassifiziert Schriften in Kategorien und Unterkategorien. Welche formalen Merkmale sind am wichtigsten, um eine Schrift einzuordnen?
Über diese Frage haben wir lange nachgedacht und für den Bestimmungsmodus der App verschiedene Hypothesen aufgestellt. Die Klassifizierung sollte einfach nachvollziehbar sein, auch für Studienanfänger und Laien. Bestehende Fachbegriffe und Konzepte sollten eingebunden werden. Für das Projekt typ/o haben wir letztendlich eine dreistufige Einteilung verwendet: Gruppe, Untergruppe und weitere Merkmale.
Die Einteilung in Gruppen erfolgt nach einfach erkennbaren Grundformen der Schrift: Serifenschrift, Serifenbetonte Schrift, Serifenlose Schrift, Schauschrift, Geschriebene Schrift, Gebrochene Schrift. Diese Grundformen und Begriffe sind den meisten Leuten bekannt. Die Einteilung in Untergruppen der Leseschriften erfolgt nach dem sogenannten Formprinzip, also nach dem grundlegenden Gestaltungsprinzip, das den Zeichen einer Schrift zugrunde liegt. Das Formprinzip beeinflusst Wirkung und Leserlichkeit einer Schrift. Die Bestimmung des Formprinzips erfordert etwas Übung.
Letztendlich können noch weitere Merkmale bestimmt werden, die auffällig wirken, z. B. formale Besonderheiten bei Schauschriften. Diese haben zwar meist keinen direkten Einfluss auf die Leserlichkeit oder die Klassifizierung einer Schrift, sollten jedoch erkannt und benannt werden können, um Schriften zielführend einzusetzen.
Du arbeitest viel mit Studierenden zusammen – welche häufigsten Missverständnisse oder Herausforderungen beobachtest du bei angehenden Designer:innen im Umgang mit Typografie?
Da Schrift allgegenwärtig ist, da wir alle täglich Schriften lesen und selbst einsetzen, haben wir ein gewisses Gespür für Schriftformen und deren Wirkung. Jedoch läuft der Wahrnehmungsprozess unbewusst ab, sodass es nicht ganz einfach ist, beim Umgang mit Schrift bewusst auf diesen Erfahrungsschatz zurückzugreifen. Meist wählen Studierende dann eine Schrift, die entweder gerade auf dem Computer ist, die kostenfrei im Internet gefunden wird oder die irgendwie “gefällt”. Weitere Kriterien der Schriftwahl werden oft vernachlässigt, dabei sind sie höchst relevant: Neben Leserlichkeit (oder Auffälligkeit) umfassen diese Kriterien u. a. den guten formalen und technischen Ausbau der Schrift, die formale und inhaltliche Passgenauigkeit in Bezug auf die Anwendung, die Erwartungshaltung der Nutzer*innen, der historische oder zeitgenössische Kontext, Innovation oder gar Exklusivität sowie Aspekte von Kosten und Lizenzen.
Weitere Missverständnisse im Grundlagenstudium entstehen aus der Nutzung von Layoutprogrammen, die scheinbar viele formale Möglichkeiten aufzeigen. Wer Typografie nur am Bildschirm bearbeitet, folgt dann den vorgegebenen "Bias": Verschiedene Schriftgrößen und Schriftschnitte werden unreflektiert eingesetzt (wer den analogen Schriftsatz kennt, weiß um die aufeinander abgestimmten Größen und Schnitte); Texte werden horizontal gelayoutet, da das Tool dies so vorgibt (obwohl Typografie durchaus anders als nach üblicher Leserichtung eingesetzt werden kann, insbesondere bei plakativen Anwendungen); Layouts werden am Bildschirm als einzelne Einheiten gedacht, anstatt als zusammenhängende Sequenzen bzw. System wahrgenommen zu werden. Diese Liste lässt sich weiterführen …
Das Buch verbindet historische Hintergründe mit praktischen Anwendungen. Gibt es eine historische Schrift oder Epoche, die dich besonders inspiriert – und warum?
Bei meiner Forschung stieß ich schnell auf eine Epoche, die noch vor der Typografie lag: Aachen war das geistige Zentrum der Bildungsreform unter Karl dem Großen, im Zuge derer um 780 die sogenannte Karolingische Minuskel entstand. Dieses Schriftmodell ist die Grundlage unserer heutigen Kleinbuchstaben. Es stand Pate für die Humanistische Minuskel (Italien, Beginn des 15. Jh.), die wiederum Modell für frühe Druckschriften war. Interessant finde ich hierbei, dass die formalen Merkmale der frühen Druckschriften aus Italien und Frankreich unseren heutigen Lesegewohnheiten entsprechen. Kriterien der Leserlichkeit sind seit mehr als 500 Jahren so gut wie unverändert! Schriften wie Bembo (1495) oder Garamond (1538) sowie ihre zeitgenössischen Re-designs und Interpretationen sind nach wie vor hervorragende Leseschriften.
Wie können Designstudierende (und Profis) vermeiden, in der "unüberschaubaren Fülle" an Schriften unterzugehen? Hast du eine konkrete Methode oder einen Tipp, um den Überblick zu behalten?
Es ist sehr wichtig, dass Studierende (und Profis) ihr Fachwissen im Bereich Typografie nach und nach nähren, indem sie sich Grundlagenwissen anlesen (dazu dient unser Buch) und indem sie regelmäßig die Entwicklungen in der zeitgenössischen Schriftgestaltung und im Schriftenvertrieb mitverfolgen. Insbesondere Leseschriften werden nie komplett neu erfunden — sonst könnten wir sie gar nicht lesen. Sie beruhen immer auf vorhergehenden Modellen, die mehr oder weniger abgewandelt werden. Diese prototypischen Modelle und ihre Eigenschaften und Anwendungsgebiete sollte man also kennen.
Das Kapitel "Schriften" unseres Buches zeigt und beschreibt mehr als 100 relevante Schriftarten. Die Auswahl umfasst prototypische historische sowie zeitgenössische Schriften. Die Hintergrundinformationen helfen, die Schriftklassifikation sowie die semiotischen, formalen und technischen Aspekte besser zu verstehen. Schließlich hilft dieses Wissen, die Kriterien für die Auswahl und den guten Einsatz von Schriften zu verstehen.
Unsere Publikation zum Thema Schriftenklassifizierung soll dabei helfen, einen Überblick zu bekommen bzw. zu bewahren. Das in der Publikation verwendete Modell folgt einer einfachen Einteilung in Gruppen und Untergruppen. Ziel des Projektes typ/o ist genau das: die Schaffung einer konkreten Methode, um sich in der vermeintlich unüberschaubaren Fülle an Schriften heute und in Zukunft besser zurechtzufinden!
Ich bin übrigens seit mehreren Jahren Mitglied im DIN Normenausschuss "Schriften", wo ich versuche, die Erkenntnisse meiner Forschung im Bereich der Schriftenklassifizierung einzubringen.
FH Aachen | Eva Kubinyi
FH Aachen | Eva Kubinyi
Die Digitalisierung verändert den Schriftentwurfsprozess. Wo siehst du die größten Chancen – und Risiken für die Zukunft der Typografie?
Die Digitalisierung hat seit den 1990er Jahren im Bereich der Schriftgestaltung viele spannende Experimente, Konzepte und Schriftformen hervorgebracht. Die technischen Entwicklungen ermöglichen heute u. a. die Erstellung und Nutzung von umfassenden Schriftfamilien, die neben dem lateinischen auch viele andere Schriftsysteme der Welt beinhalten. In Bezug auf die weitere Entwicklung sehe ich z. B. Chancen bei der Nutzung von Interpolation und KI bei der Gestaltung umfassender Schriftsysteme, wie z. B. Chinesisch.
Risiken zeichnen sich im Bereich des Schriftenvertriebs ab, wo wenige “Big Player” kleineren unabhängigen Schriftenvertreibern gegenüberstehen. Die Typografie steht hier vor denselben Herausforderungen wie der gesamte digitale Bereich, mit dem Risiko kapitalistischer Monopole, die Vielfalt und Innovation einschränken und gesellschaftliche Fragen aufwerfen.
Dein Buch richtet sich an Anfänger:innen und Fortgeschrittene. Welche Übung oder Aufgabe würdest du Leser:innen mitgeben, um ihr Verständnis für Typografie sofort zu vertiefen?
Die erste Übung ist die “Augen aufzuhalten”, sich Typografie bewusst anzusehen. Dann ist es sinnvoll, den “Lernen”-Teil des Buches zu lesen, um die historischen und formalen Zusammenhänge der Schriften nachzuvollziehen. Letztendlich kann man im “Spiele”-Modus der App oder mit den analogen typ/o-Spielen schnell testen, ob man die grundsätzlichen Kriterien der formalen Unterscheidung von Schriften verstanden hat.
Im zweiten Schritt, der etwas länger dauert, sollte man sich bei jeder Schrift über ihre Herkunft, ursprünglichen Nutzen oder Anwendungsgebiet, Designer*in, Foundry, Entstehungsjahr etc. informieren, um das eigene Schriftwissen nachhaltig anzureichern. Typografie ist eine Disziplin, in der man langfristig die Frucht der Arbeit erntet.
Wenn du eine Schrift wählen müsstest, die deine gestalterische Haltung am besten repräsentiert – welche wäre das und warum?
In meiner Arbeit als Designerin bei Intégral Ruedi Baur Paris habe ich oft mit dem Schriftgestalter Peter Bil’ak zusammengearbeitet. Für mein letztes umfassendes Projekt, das Passagierleitsystem der Pariser Métro “Grand Paris Express”, entwarf Peter Bil’ak eine Exklusiv-Schrift. Die Vorgaben für den Entwurf waren einerseits ein harmonisches Zusammenleben mit den bestehenden Schriften von Métro und RER (Parisine, Achemine), andererseits sollte die Schrift leserlich, zeitgenössisch und auch in gewissem Maße markant sein.
Die für dieses Projekt entwickelte Schrift “Grand Paris” folgt dem dynamischen Formprinzip, was in Kombination mit ihrer hohen x-Höhe die Leserlichkeit fördert. Aufgrund ihrer formalen Details wirkt sie außerdem sehr zeitgenössisch. In der Anwendung sind die Schriftgrößen und Schriftschnitte stark limitiert, es kommen nur Bold- und Light-Schnitte zum Einsatz. Diese feine Balance zwischen Nutzeroptimierung und markantem zeitgenössischem Design ist eine hervorragende Darstellung meiner gestalterischen Haltung.
Wie hat der spielerische, digitale Ansatz (App, Spiele) deine Art, Typografie zu vermitteln, verändert?
Der Einsatz von App und analogen Spielen im Unterricht erzeugt sehr positives Feedback durch die Studierenden. Dies hat mich u. a. dazu angeregt, die Publikation als einen weiteren Baustein in Lehre und Forschung umzusetzen. Außerdem habe ich einen umfassenden Online-Bereich in Ilias angelegt, der im Unterricht zum Einsatz kommt. Dabei verbinde ich digitale Anteile mit analogen Übungen. Diesen Ansatz möchte ich in Zukunft weiter vertiefen und ausbauen, nicht nur im Bereich Schriften und Schriftwahl, sondern auch im Bereich Layout. Verändert hat dies meine Position als Lehrende und Vermittlerin; frontale Lehre wird ersetzt durch ein aktiveres “miteinander Lernen".
Und weil ja bald Weihnachten ist – für wen ist dein Buch das perfekte Geschenk?
Das Buch eignet sich sowohl für Studierende als auch für Design-Interessierte im weitesten Sinne. Es war mir wichtig, dass die Publikation erschwinglich ist, was der Niggli-Verlag mit einem Verkaufspreis von 35 Euro auch so umsetzte. Wer sich das Buch bestellen möchte, sollte das übrigens am besten bei einer Buchhandlung tun und nicht bei Amazon: “support your local bookseller”!
Vielen Dank für das Interview!
400 Seiten
17.5 × 12.5 cm, Softcover
9 / 2025
ISBN 978-3-7212-1058-3
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FH Aachen | Eva Kubinyi
Titelseite des Buches "The quick classification guide for typography. Ein Handbuch für Designer:innen"