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Eine Zukunft für St. Bonifatius

Studierende der FH Aachen haben Entwürfe vorgestellt, wie die Kirche St. Bonifatius in Aachen-Forst künftig genutzt werden könnte

Wie kann man eine Kirche weiterhin nutzen, wenn ihre sakrale Aufgabe nicht mehr im Mittelpunkt steht? Diese Frage haben sich Masterstudierende des Fachbereichs Architektur der FH Aachen gestellt. Unter der Leitung von Prof. Dr. Anke Fissabre und Prof. Heike Matcha entwickelten sie im vergangenen Jahr Entwürfe, wie Kirchenräume nicht mehr nur von Gläubigen, sondern auch von Menschen und Initiativen aus der Umgebung genutzt werden können. Konkret ging es dabei um die Pfarrkirche St. Bonifatius im Aachener Stadtteil Forst. Jetzt wurden ihre Studienarbeiten dort ausgestellt. 

St. Bonifatius birgt großes Potenzial

Da die katholische Gemeinde von St. Bonifatius an Mitgliedern verliert und meist in der anliegenden Kapelle ihre Gottesdienste feiert, steht der große Kirchenraum oft leer. Zwar nutzen auch Christ:innen anderer Konfessionen das Gebäude, aber eher am Wochenende. In der Zwischenzeit könnten demnach Anwohner:innen und soziale oder kulturelle Gruppen das Grundstück nutzen. Zum Teil geschieht dies schon, zum Beispiel gibt es einen Nachbarschaftsgarten. Das Potenzial für mehr ist allerdings da: Neben dem Kirchenraum und der Kapelle gehören weitere Gebäude und ein großer Garten zum Grundstück dazu.

Die Entwürfe der Studierenden zeigen, wie unterschiedlich das Gelände in Zukunft genutzt werden kann. Im dreischiffigen Kirchenraum, dessen oberes Drittel von Fensterbändern gesäumt ist, könnte eine öffentliche Quartiers-Bibliothek Platz finden. Andere Ideen sind, den großen, lichtdurchfluteten Raum für Veranstaltungen und Co-Working-Spaces herzurichten. In den weiteren Gebäuden könnten Jugendräume, Cafés oder Wohnungen eingerichtet werden. Beim Planen gab es eine Herausforderung: Seit 2016 steht die von Prof. Dr. Rudolf Schwarz entworfene Kirche unter Denkmalschutz. Die Studierenden durften deshalb die Bausubstanz aus Beton und Backsteinen nicht verändern.

Eine Klammer als Verbindung

Wie kann man das Alte belassen, aber trotzdem Neues schaffen? Mit dieser Frage haben sich auch Ajdin und Begüm Mujanovic beschäftigt. „Wir wollten auf keinen Fall die Wirkung des großen Kirchenraums zerstören“, erzählt Ajdin. Deshalb entwickelten die beiden Masterstudierenden einen Entwurf, der den Bestand sensibel weiterdenkt. Mit Abstand zur Außenwand fügen sie in den Raum zwei etwa drei Meter hohe, gegenüberliegende Wandscheiben ein, deren abgewinkelte Enden den Kirchenraum wie eine Klammer räumlich umarmen. Ihre Innenseiten sind mit akustisch wirksamen Holzelementen ausgestattet und verbessern die Raumakustik bei Veranstaltungen und Bürgertreffen. Die Außenseiten bieten Platz für Sitznischen sowie Fläche für Ausstellungen zur Geschichte der Kirche und zu Werken von Rudolf Schwarz und seiner Frau Prof. Maria Schwarz. Später kann dort auch (regionale) Kunst ausgestellt werden.

Das Motiv der Klammer ist aber nicht nur im Kirchenraum zu finden. So haben die beiden Studierenden zwischen die Gebäude einen Verbindungssteg eingefügt. Über ihn gelangen Besucher:innen beispielsweise von Jugendräumen hin zu einem Café oder zu Co-Working-Spaces. An einem Ende weitet sich der Steg zu einer öffentlichen Stadtterrasse. „Die Klammer umschließt das gesamte Ensemble und schafft einen Ort der Begegnung“, erzählt Begüm. Beide wollen, dass aus dem Kirchenraum ein belebter Stadtraum wird, der offen für alle ist.

St. Bonifatius als Mitte

Im Zuge des Projekts setzten sich alle Studierenden nämlich auch damit auseinander, was die Menschen rund um St. Bonifatius brauchen. Dies seien vor allem Orte des Miteinanders und sozialen Zusammenhalts, wie die Stadt im Rahmen der Stadtteilperspektive „Zukunft Forst“ feststellte. Denn Forst fehle es an einer gemeinsamen Mitte, so die Stadt. Das Gelände von St. Bonifatius könnte so ein neues Zentrum sein, vor allem für das Quartier Unterforst. „Durch die angrenzenden Schulen und sozialen Einrichtungen nimmt St. Bonifatius einen zentralen Standort im Viertel ein. Deshalb könnte die ehemals gedachte Mitte heute wieder als Zentrum fungieren“, so Prof. Fissabre. 

Bis zum 29. April sind die Entwürfe der Studierenden noch in der Ausstellung „Kirchen als Vierte Orte. Perspektiven des Wandels“ des Museums der Baukultur NRW zu sehen. Thema ist die Umnutzung von Kirchen, die von Leerstand oder Abriss bedroht sind. 

Zur Geschichte von St. Bonifatius

Die Kirche St. Bonifatius wurde 1959/1960 vom Architekten Rudolf Schwarz entworfen. Nach seinem Tod im Jahr 1961 übernahm Maria Schwarz, ebenfalls Architektin, die weiteren Planungen. Von 1963 bis 1964 wurde die Kirche gebaut und anschließend geweiht. Neben seiner Tätigkeit als Architekt war Rudolf Schwarz von 1927 bis 1934 Direktor der Aachener Handwerker- und Kunstgewerbeschule. Sie gilt als Vorläuferin des Fachbereiches Design, heute Fachbereich Gestaltung, der FH Aachen.