Details

Ein Fachbereich zieht um

Die FH-Gebäude am Boxgraben und an der Stephanstraße werden in den nächsten Jahren saniert. In den nächsten Wochen steht der Umzug an.

Im Anfang war das Wort. Das gedruckte Wort, in 25.000-facher Ausfertigung; Bücher natürlich, aber auch Pantone-Fächer, Spielfilm-DVDs und Zeitschriftenbände, die teilweise 100 Jahre alt sind – oder, wie es bei der FH-Bibliothek zusammenfassend heißt: Medien. Sie alle müssen umziehen, vom FH-Gebäude im Boxgraben zum Europaplatz. Und das ist erst der Anfang.

Erste Phase bis Ende März

Es ist eine logistische Mammutaufgabe: In den nächsten Monaten müssen die Einrichtungen der FH Aachen den Standort am Boxgraben und an der Stephanstraße räumen, das betrifft den Fachbereich Gestaltung, die Bibliothek, den AStA, das Hochschul-Archiv sowie verschiedene Labore des Fachbereichs Aerospace und Automotive Engineering. Am Montag sind die ersten Lastwagen gerollt, bis Ende März soll der erste Teil der Arbeiten abgeschlossen sein. 

2100 Kartons, 75 Großgeräte

Insgesamt werden rund 2300 Kubikmeter Umzugsgut bewegt, das entspricht 120 Lkw-Ladungen. Neben 2100 Umzugskartons müssen auch 75 Großgeräte und Anlagen transportiert werden. Das Spektrum ist groß, es reicht von Lehr- und Lernmaterialien über Mobiliar wie Schreibtische, Regale und Stühle bis hin zu kompletten Werkstatteinrichtungen. Seit Wochen sind die Mitarbeitenden im Boxgraben dabei, ihre Sachen in Kartons zu räumen; alles wird mit Aufklebern versehen, damit es am Ziel in die richtigen Räume zugestellt wird. 

Positives Zwischenfazit

Die Gesamtverantwortung für den Umzug trägt der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW, der seinerseits private Firmen beauftragt hat. Auf Seiten der FH Aachen koordiniert das Dezernat IV Facility Management die Arbeiten. Christiane Meese-Hövelmann zieht nach der ersten Woche ein positives Zwischenfazit; sie betont aber auch, dass noch große Herausforderungen anstehen – dabei geht es vor allem um den Transport schwerer Maschinen aus der Werkstatt.

Nutzfläche ändert sich nicht

Der Fachbereich Gestaltung zieht für die nächsten Jahre in ein Interimsgebäude in Aachen-Nord, in Nähe des Verteilerkreises am Europaplatz – genauer gesagt: an der Dennewartstraße. Es handelt sich um einen Neubau mit vier Etagen; dort werden Büros, Seminarräume, Labore, Aufenthaltsflächen sowie die Bibliothek untergebracht. Der Bau ist Teil des Technologiezentrums am Europaplatz (TZA), zu den bestehenden vier Gebäuderiegeln ist ein fünfter hinzugekommen. In den bestehenden Bauten werden die Werkstätten und später voraussichtlich auch der AStA und das Archiv unterkommen. Die gesamte Nutzfläche von rund 4000 Quadratmetern entspricht ungefähr der des Gebäudes am Boxgraben.

Das TZA wurde früher von der AGIT mbH betrieben und wird jetzt unter dem Titel “The Urban Village” von einem privaten Immobilienunternehmen vermarktet. Dort sind weitere Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen untergebracht, zudem sind der Digital Hub und das Ludwig Forum für Internationale Kunst in unmittelbarer Nähe.

Neue Möglichkeiten

Für Studierende und Mitarbeitende des Fachbereichs Gestaltung ist “der Boxgraben” mit vielen Erinnerungen verbunden – der Altbau war mit seiner besonderen Atmosphäre nicht nur Nährboden für Kreativität, er lud mit seinem urgemütlichen Innenhof auch zum entspannten Beisammensein ein. Bei aller Wehmut sind die Gestalter:innen froh, dass der Umzug nun läuft. Für Dekan Prof. Lorenz Gaiser steht der Gedanke der Kontinuität im Mittelpunkt: “Am neuen Standort sind diverse Unternehmen und Fachbereiche anderer Einrichtungen zu Hause. Die Synergie, die Technologie und Gestaltung am neuen Ort entwickeln könnte, ist für uns ein wichtiger Aspekt.” Dies könne zukunftsweisend sein, da sich aufgrund der Entwicklungen bei der Anwendung von KI gerade die Ingenieurwissenschaften und Informatik neu finden müssten. “Hier bietet die Transdisziplinarität mit Gestaltung große Möglichkeiten.” Er verweist auf eine zufällige Begebenheit: “Ich habe jetzt einen Glückskeks gezogen mit diesem Zitat: ‚Auch ein vorübergehender Ort kann der Anfang von etwas Großem sein.’ Wahrscheinlich habe ich das Thema Umzug/Interim schon so verinnerlicht, dass sich das auch im Keks widerspiegelt.”

Umfassende Sanierung des alten Gebäudes

Das denkmalgeschützte Gebäude am Boxgraben stammt aus den 1890er-Jahren, entworfen wurde es vom Aachener Architekten Georg Frentzen. Früher war dort die Höhere Fachschule für Textilindustrie untergebracht. Heute entspricht es nicht mehr den Anforderungen hinsichtlich Energieeffizienz, Barrierefreiheit und Arbeitsschutz. Sieben Jahre sollen die Sanierungsarbeiten nach aktuellem Planungsstand dauern.

Ein präziser Plan

Am Europaplatz angekommen, räumen die Mitarbeitenden der Bibliothek die Kartons aus. Sie haben vor dem Umzug einen präzisen Plan erstellt, wie der Umzug ablaufen soll – so wollen sie sicherstellen, dass die 25.000 Medien schnell ihren neuen Platz finden. Immerhin füllt das Material mehr als 800 laufende Regalmeter. Bei aller Wehmut über den Auszug aus dem charmanten Boxgraben – bei ihnen überwiegt die Freude. Die Bibliothek hat zukünftig mehr Platz, die Räume sind aufgrund ihrer Beschaffenheit besser für die Unterbringung und Nutzung von Büchern geeignet.

Ein Blick in die Historie

Die Geschichte des Fachbereichs Gestaltung reicht weit über 100 Jahre zurück. 1904 wurde die Zeichen- und Kunstgewerbeschule Aachen gegründet, vier Jahre später wurde sie von der Martinstraße in die Südstraße verlegt. Prominentester Direktor der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Aachen, wie sie inzwischen hieß, wurde im Jahr 1927 Rudolf Schwarz, im Alter von gerade einmal 30 Jahren. Er baute die Werkstätten im Sinne einer fortschrittlichen Pädagogik im Kunst- und Werkbereich aus – eine Art Bauhaus des Westens. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten führte zum vorläufigen Aus: 1934 wurde die Schule geschlossen.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges werden die zerstörten Gebäude der Kunstgewerbeschule wiederaufgebaut. Schon am 1. Oktober 1948 kann der Unterricht in der jetzigen Meisterfachschule beginnen. 1951 erkennt der Kultusminister des Landes NRW die „Aachener Meisterfachschule“ als öffentliche Fachschule an. 1957 wird sie als höhere Fachschule zur „Werkkunstschule der Stadt Aachen“ erklärt. Nach dem 1971 verabschiedeten Gesetz über die Errichtung von Fachhochschulen im Land Nordrhein-Westfalen, wird die FH Aachen mit den Abteilungen Aachen und Jülich am 1. August 1971 gegründet. Die Werkkunstschule Aachen geht damit in den Fachbereich Design (heute Fachbereich Gestaltung) über. Erste Bestrebungen, den Fachbereich von der Südstraße in den Gebäudekomplex am Boxgraben zu verlegen, gibt es schon 1975, im Jahr 1988 war der Umzug abgeschlossen.