Zukunftsfähige Transformation


Alt-Morschenich. Aufbruch in die Zukunft oder wie wir zu neuen Erzählungen kommen über das Vergangene, das Heute, die Dringlichkeiten einer Transformation und die möglichen Morgen

Hintergrund


Umsiedlung und Neugründung

Das Dorf Morschenich, ein Ortsteil der Gemeinde Merzenich, lag ursprünglich im geplanten Abbaugebiet des Tagebau Hambach und wird in Erwartung der Bagger seit 2015 sukzessive umgesiedelt. Diese Umsiedlung ist (10/2020) weit fortgeschritten, nur noch wenige der Häuser sind bewohnt, der Friedhof ist umgebettet und die Kirche entweiht. Einzig der Kindergarten hält als Institution bis Ende November 2020 seinen Betrieb aufrecht – wegen Bauverzögerungen beim Neubau in Morschenich-Neu. Mit Ausnahme von dreien, gehören heute alle Grundstücke samt der Gebäude – auch jene von Kindergarten und Kirche – dem Energieversorger RWE.

Etwa 70 % der Morschenicher Bewohner*innen sind bereits umgesiedelt oder werden zeitnah in das selbstgewählte Neubaugebiet mit dem Flurnamen „Zwischen den Höfen“ östlich von Merzenich ziehen. Andere haben die Gelegenheit genutzt weiter weg zuziehen. Der Wendepunkt in Morschenich war 2017: in diesem Jahr fand in Alt-Morschenich das letzte und gleichzeitig in Morschenich-Neu das erste Schützenfest der Dorfgemeinschaft statt. Damit waren die Weichen für die Aufgabe und das entsprechende Zeichen für einen Neuanfang gestellt.

Im Januar 2020 erklärte der Tagebaubetreiber RWE infolge des geplanten früheren Ausstiegs aus dem Braunkohleabbau auf Druck der Öffentlichkeit jedoch, auf eine Abbaggerung Alt-Morschenichs verzichten zu können. Dadurch entstand eine besondere Situation: das Dorf ist nahezu leer gezogen, ist im Wesentlichen in Eigentümerschaft von RWE, während die Planungshoheit bei der Gemeinde Merzenich liegt.

Widerstand und Wende

Die Kehrtwende beim Kohleausstieg und die damit verbundene Neudefinition der Tagebauabbaukante Hambach, die Morschenich und den Hambacher Forst ausspart (Quelle), wurde im Januar 2020 bei einem Spitzentreffen der Bundesregierung mit den vier vom Kohleausstieg betroffenen Bundesländern vereinbart. Der „Fahrplan für den Kohleausstieg“ (Quelle) hat noch keinen Gesetzescharakter. Ein Entwurf soll jedoch im Herbst 2020 vorliegen und Ende des Jahres verabschiedet werden.

Seit den 1970er Jahren rodete der Energieversorger RWE den Hambacher Forst zur Gewinnung von Braunkohle. Von dem 4.100 Hektar großen Waldstück, dem eine hohe ökologische Wertigkeit zugesprochen wurde und wird, sind heute in Summe mehrerer Teilstücke nur noch rund 500 Hektar erhalten. Auslöser für die Kehrtwende waren monatelange, breit gefächerte internationale Proteste und Massendemonstrationen am Hambacher Forst, die im Herbst 2018 mit bis zu 50.000 Teilnehmer*innen ihren bisherigen Höhepunkt hatten.

Der Hambacher Forst gilt als Symbol des Widerstands der Anti-Kohlekraft-Bewegung gegen die Umweltzerstörung und Klimaschädigung durch die Kohlewirtschaft und ist national wie international zum Sinnbild des Kohleausstiegs als notwendiger Teil der Energiewende und angestrebten Klimaneutralität bis 2050 geworden. Dieser Symbolkraft ist es auch zuzuschreiben, dass weiterhin mehrere Protestcamps in der Nähe von Morschenich ihre Zelte aufgeschlagen haben und etliche Baumhäuser im Hambacher Forst bewohnt sind.  

Akteure und Interessen

Hauptakteure mit jeweils spezifischer Interessenslage sind die Gemeinde Merzenich, auf dessen Gemeindegebiet das Dorf liegt, RWE als Eigentümerin der Häuser und Grundstücke sowie die verbliebenen Bewohner*innen von Alt-Morschenich ergänzt um rund 100 Geflüchtete, die in einzelnen leergezogenen Häusern ab 2015 untergebracht wurden und hier ihren Lebensmittelpunkt haben. Darüber hinaus haben auch die Umsiedler*innen weiterhin eine Bindung an ihr ehemaliges Zuhause, und auch die Aktivist*innen der insgesamt vier Protestcamps sind dem „geretteten Dorf“ verbunden. Aufgrund des massiven Protestes, der regionale, nationale und auch internationale Aufmerksamkeit hervorrief, steht das Dorf zudem im Rampenlicht der Öffentlichkeit und Berichterstattung. Die Positionen und Interessen der unterschiedlichen Akteure sind divers und teilweise widersprüchlich, die hieraus resultierenden Konflikte haben sich in der Vergangenheit schon mehrfach entladen.

Die besondere Gemengelage, bedingt durch die Änderung der Tagebauabbaukante und die entstandene Akteurskonstellation, im Fokus einer breiten Öffentlichkeit und als Symbol für den Widerstand gegen Umweltzerstörung und Klimaschädigung birgt neben dem hohen Konfliktpotenzial auch die Chance, Morschenich zu einem außergewöhnlichen Zukunftsort zu entwickeln. An zentraler Stelle im Rheinischen Braunkohlerevier könnte eine modellhafte Transformationsstrategie erlebbar werden, in der aktuelle gesellschaftliche, wohn- und bodenpolitische sowie energie- und klimarelevante Themen und Alternativen nicht nur diskutiert, sondern prototypisch ausgetestet werden. Dieser Möglichkeitsraum und -moment ist einzigartig und wird als solcher auch heute schon von Akteuren aus der Region und auch darüber hinaus erkannt – u. a. konzipieren derzeit das Forschungszentrum Jülich, die TU Darmstadt und die FH Aachen in Kooperation mit der Szenografin Mona el Gammal erste mögliche Wege für die kommende kollektive Erzählung einer Transformation.


Wie aber kommen Raum, unterschiedliche Zeitlichkeiten (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft), verschiedene Maßstabsebenen (Region, Revier, Gemeinde und Ort), heterogene Interessenlagen und Machtkompetenzen mit Zukunftsthemen, Forschungsfragen und prototypischen Erprobungen zusammen? Wie kommt man vom Protest zum Projekt? Wie wird Eigentum, Besitz und Vergabe neu verhandelt? Und wer entscheidet überhaupt, in welche Richtung sich der Ort Morschenich zukünftig mit wem entwickeln soll?

Vorhaben

Austausch-Wissens-Plattform und Testfeld


Das Lehrgebiet „Grundlagen der Stadtplanung, urbane Transformation und innovative Prozessgestaltung“, der damit assoziierte Lehr- und Forschungsschwerpunkt „Zukunftsfähige Transformation“ der FH Aachen und die Szenografin Mona el Gammal möchten in Morschenich unter Einbeziehung der Gemeinde Merzenich und anderer relevanter Akteur*innen einen Leitbildprozess initiieren und diesen wissenschaftlich und künstlerisch begleiten. Ziel des Leitbildprozesses ist es, Themen und Rahmenbedingungen der Aufgabe zu identifizieren, die dort immanenten Zusammenhänge und Abhängigkeiten zu erkennen und daraus ein stimmiges, für den spezifischen Kontext angemessenes Konzept zu erarbeiten. Hierbei spielen nicht nur die Lagequalität und die historischen, kulturellen und städtebaulichen Rahmenbedingungen eine wesentliche Rolle, sondern auch die Nutzer*innen und die am Prozess beteiligten Akteur*innen und deren Interessen.

Zentral für die Entwicklung einer resilienten Transformationsstrategie ist zudem die Auseinandersetzung mit den heutigen und zukünftigen Herausforderungen, beispielsweise klimatischen, energetischen, ökonomischen oder wohnungspolitischen Aufgaben. Diese Inhalte sollen durch externe Expert*innen und Macher*innen von vorbildlichen Prozessen und Projekten eingespeist werden, während Studierende der FH Aachen im Rahmen des forschenden Entwerfens beteiligt sind.

Die Austausch-Wissens-Plattform und das daraus wachsende Archiv sollen als Reallabor im ehemaligen Kindergarten in Morschenich verortet werden, der ab Dezember 2020 zwischengenutzt werden kann.


Prozess und Ziel


Der avisierte Prozess und dessen wissenschaftliche Begleitung ist Anlass einer intensiven Auseinandersetzung in Forschung und Lehre mit hochaktuellen Themen vor dem Hintergrund einer realen Planungsaufgabe – dem „geretteten“ Dorf Morschenich, seiner besonderen Geschichte, seiner außergewöhnlichen Akteurs- und Interessenskonstellation und speziellen Besitzverhältnisse. Gleichwohl soll der Prozess, die darin gewonnen Erkenntnisse und Inhalte, auch wesentliches Wissen bündeln und die Übertragbarkeit auf andere Kontexte überprüfen.


Forschendes Entwerfen


Im WS 2020.21 werden unter dem Titel »Testsite Stories. Szenarien für eine andere Zukunft. Erster Akt« in Projekten im 1. und 3. Semester MA Szenarien und räumliche Leitbilder entworfen sowie über Testentwürfe optionale Entwicklungspfade der räumlichen Transformation Morschenichs aufgezeigt. Die Ergebnisse werden direkt in das Vorhaben rückgekoppelt und zusammen mit lokalen Akteuren verhandelt.

Kontakt


Lehr- und Forschungs-
schwerpunkt Zukunftsfähige
Transformation

Prof. Dipl.-Ing.
Isabel Maria Finkenberger

M.Sc. Carolin Derks
B.A. Leonie Semmelroggen

Mona el Gammal, Szenografin

transformation(at)fh-aachen.de

T +49. 241. 6009 51137